Moai-Statuen auf Rapa Nui, der Osterinsel, 3700 Kilometer von der chilenischen Küste entfernt. | AFP

Osterinsel Heraus aus zweieinhalb Jahren Abschottung

Stand: 25.08.2022 03:50 Uhr

Kaum ein Ort weltweit war während der Pandemie so abgeschottet wie Chiles Osterinsel. Einwohner mussten sich vom Tourismus auf einen anderen Broterwerb umstellen. Nun öffnet die Insel wieder für Besucher - und nicht alle hoffen auf den Ansturm.

Matthias Ebert und Simeon Müller, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es ist einer der ersten Flüge auf die chilenische Osterinsel, die die Einheimischen Rapa Nui nennen, seit Beginn der Corona-Pandemie: Zweieinhalb Jahre lang war die Insel abgeschottet vom Festland. Nur gesundheitliche Notfälle durften herausgeflogen werden. Jetzt wagt die Insel den Neustart für Touristen - und wirkt dabei gefangen zwischen Hoffen und Bangen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

"Vor der Pandemie haben wir gearbeitet wie verrückt, es gab 14 Flüge pro Woche und unzählige Kreuzfahrtschiffe", berichtet der Touristenführer Terangi Pakarati. "Dann war der Strom plötzlich zum Erliegen gekommen." Terangi spaziert über die riesige Wiese am Ostufer der Insel, wo die 15 weltbekannten, gewaltigen Moai-Statuen in der Nähe der Brandung thronen. Sie symbolisieren frühere Anführer des Inselvolks. Die Gesichter aus Vulkangestein wurden früher von Besuchern aus aller Welt bestaunt, die sich mit Hilfe von Selfie-Sticks davor fotografierten. Jetzt ist Pakarati meist allein hier und wartet auf Gäste.

Rapa Nui wirkt so naturbelassen und wild-romantisch, wie es wohl nur vor der Zeit des Massentourismus der Fall war. Dieser hatte der Insel ein gewaltiges Wachstum beschert: 80 Prozent der Wirtschaft hing vom Tourismus ab. Nun läuft das Geschäft nur langsam an. Anstatt mehr als 7000 Touristen sind jetzt gerade einmal um die 100 Besucher gleichzeitig auf Rapa Nui.

Moai-Statuen am Ostrand der Osterinsel | Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Rund um die gewaltigen Moai-Statuen am Ostrand der Insel ist es menschenleer. Früher tummelten sich hier Hunderte Besucher gleichzeitig. Bild: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Pandemie-Konzept erfolgreich

In den vergangenen zweieinhalb Jahren war die Insel wohl einer der am stärksten und längsten abgeschotteten Orte der Welt. Gleich mit dem Auftreten der ersten Covid-Fälle auf dem chilenischen Festland im März 2020 wurden die Grenzen geschlossen. Denn die einzige Klinik der Insel verfügt nur über wenige Beatmungsgeräte und keine Intensivstation. Schwere Coronaverläufe hätten auf das chilenische Festland ausgeflogen werden müssen - bei rund 3500 Kilometer Luftlinie und fünf Stunden Flugzeit entschied man sich daher für eine nahezu vollständige Abschottung.

Was die Pandemiebekämpfung angeht, war der eingeschlagene Weg erfolgreich: Laut Gesundheitsministerium wurden seit Beginn der Pandemie nur 53 Fälle verzeichnet. Die Sorge vor dem Virus war wohl auch eine Folge der Erfahrung aus der Vergangenheit. Über Jahrhunderte litt Rapa Nui unter eingeschleppten Krankheiten. Im 18. Jahrhundert wüteten die Syphilis und die Pocken auf der Insel. So sehr, dass die Bevölkerung zeitweise auf 111 Einwohner geschrumpft war.

Terangi Parakati | Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Terangi Parakati hat früher Touristen zu den weltberühmten Moai-Statuen begleitet. Dann brachen ihm durch den Corona-Einreisebann auf der Insel sämtliche Touren weg. Bild: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Einheimische sind Selbstversorger geworden

Doch die lange Isolation hat wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Das Ausbleiben von Besuchern war finanziell für viele Bewohner ein schwerer Schlag. "Es haben wohl nur 30 Prozent der Hotels und Restaurants überlebt", sagt Hotelbesitzer Edgar Herever. Er selbst musste sein Hotel "Wai Moana" schließen und dennoch die hohen Nebenkosten für Strom, Gas und Wasser bezahlen. Weil die Arbeit wegfiel, verließen viele Mitarbeiter die Insel. Seit 2020 sind rund 2000 der knapp 8000 Einwohner ausgereist.

Vor einem Jahr wollte Herever nicht länger Trübsal blasen und öffnete sein Restaurant für die lokale Bevölkerung. Bei Tanzwettbewerben und lokaler Küche trafen sich bei ihm fortan - anstatt der Touristen - die Einheimischen, auch weil Edgar die Preise senkte. "Wir haben während der Pandemie ein neues Gemeinschaftsgefühl entwickelt und sind als Bewohner zusammengewachsen", sagt er.

Edgar Herever | Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Edgar Herever ist der Präsident des örtlichen Tourismusverbands. Sein eigenes Hotel "Wai Moana" musste er während der Pandemie jahrelang schließen. Bild: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Einen neuen Gemeinschaftsgeist verspürt auch Diana Edmonds-Tucki. Als die Insel dicht machte, begann sie mit ihrem Mann mehr Gemüse und Obstbäume zu pflanzen und verdoppelte die Anzahl ihrer Bienenstöcke. Außerdem bauten sie einen Hühnerstall. "Wir konnten uns die teuren Lebensmittel vom Festland nicht mehr leisten - also wurden wir zu Selbstversorgern", sagt sie.

Seitdem produziert das Ehepaar nicht nur Joghurt und Eier selbst - sie sind auch energetisch autark: Eine Heimanlage für Biogas befindet sich hinter ihrem Haus. Aus dem Biomüll entsteht Gas für die Küche und Dünger für ihre Felder. Zehn Solarpanels sorgen zudem für Warmwasser und Strom. Damit sind sie nicht allein, meint sie: "Alle Inselbewohner sind zu Gärtnern geworden und haben sich auf die Bio-Landwirtschaft zurückbesonnen."

Rene und Diana Edmonds | Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Rene und Diana Edmonds sind zu Selbstversorgern geworden: Mit Gemüsegarten, Biogasanlage und Hühnerstall. Bild: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Weg vom Massentourismus?

Wurden vor der Pandemie fast alle Güter und Lebensmittel vom Festland importiert, musste sich die Insel wegen der Isolation zu großen Teilen selbst versorgen. Die Lokalregierung verteilte Samen für den Anbau von Gemüse, es begann ein Tauschhandel untereinander: Fischer erhielten für Krabben oder Krebse Fleisch oder Eier.

Vor allem die Tourismusbranche um ihren Verbandspräsidenten Herever drängte auf eine Öffnung. Inzwischen werden wieder Besucher auf dem Flugfeld mit Blumenkränzen und Umarmungen empfangen. Doch bei aller Freude gibt es auch mahnende Stimmen. Vor der Pandemie kamen pro Tag zwei Flieger und insgesamt knapp 160.000 Touristen pro Jahr an. Für die kleine Insel eine regelrechte Flutwelle, wie viele Leute sagen. Nicht nur Guide Pakarati hofft auf einen nachhaltigeren Tourismus mit niedrigeren Besucherzahlen.

Für die wenigen Touristen am Traumstrand Anakena ist ihr Aufenthalt einmaliges Erlebnis. Miguel Rivera, der aus Chiles Hauptstadt Santiago kommt, schwärmt: "Wir sind hier völlig allein, wo sich sonst Hunderte Menschen tummeln."

Über dieses Thema berichtete ARD alpha am 09. August 2022 um 21:50 Uhr.