Gräser wachsen vor der Arena do Futuro im Olympia Park in Barra da Tijuca in Rio de Janeiro. | dpa

Fünf Jahre nach Olympia in Rio Vom Glanz der Spiele ist nichts geblieben

Stand: 23.07.2021 11:00 Uhr

Mit den Olympischen Spielen sollte in Rio alles anders werden. Doch fünf Jahre danach verfallen damals neu gebaute Stadien, Drogengangs beherrschen wieder die Favelas, und die Stadt ist schlechter dran als zuvor.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Vor fünf Jahren war Rio de Janeiro letzter Olympia-Gastgeber. Doch im Rückblick ist wenig von den Spielen geblieben. Die damals neu gebauten Sportstätten liegen brach, die hochtrabenden Konzepte und Ideen für eine Nachnutzung haben sich fast alle in Luft aufgelöst. Für die Stadtentwicklung haben die Spiele allenfalls punktuell Impulse gebracht, die meisten Versprechen und Hoffnungen blieben unerfüllt.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

Fünf Jahre nach den Spielen ist der Olympiapark von Rio eine Betonwüste. Die Luft wabert über den riesigen Asphaltflächen. Die Hallen und Stadien, die eigens für die Spiele im Stadtteil Barra de Tijuca gebaut wurden, sind dem Verfall preisgegeben. Die Grünanlagen sind vertrocknet, an anderen Stellen wuchert Unkraut aus Rissen im Beton.

Kein Interesse an nachhaltiger Nutzung

Nur ab und zu trifft man Skater, die den brach liegenden Park zu schätzen wissen. "Wir skaten hier immer, wir lieben diesen Ort. Jeden Tag sind wir hier, wir wohnen in der Nähe. Aber wenn man Durst hat und etwas trinken will kann man hier nicht mal ein Wasser kaufen", sagt eine der Skaterinnen. Man könne hier doch Kioske aufmachen, Restaurants, das wäre viel besser. "Aber die wollen doch nur etwas bauen und dabei etwas für sich abgreifen. Und dann wird alles in diesem Zustand zurückgelassen", sagt ein anderer Skater.

Für die Menschen in Rio ist klar, warum der riesige Park - doppelt so groß wie der Olympiapark in München - heute brach liegt. Es gab zwar ausgefeilte Konzepte für eine Nachnutzung. So sollten einige der Hallen versetzt und an anderen Orten wieder aufgebaut werden. Doch letztlich ging es nur darum, für die Spiele teure Bauten zu errichten und daran zu verdienen. An einer nachhaltigen Nutzung hatte letztlich niemand Interesse.

Alles wurde sich selbst überlassen

"Was man hier sieht, ist das Ergebnis der Landesregierung, die wir nun einmal haben. Alles komplett sich selbst überlassen, die Gelder wurden alle veruntreut, und für die Bevölkerung bleiben diese sich selbst überlassenen Bauten übrig, die man hier sieht", so der Skater. So sehe es in den Parks aus, aber das gelte auch für die Krankenhäuser und das Bildungswesen.

"41 Milliarden Real wurden in die Olympischen Spiele investiert, und dann sehen wir hier im Olympiapark in Barra, genau wie im Olympiapark Deodoro und vielen Hallen, dass man diese Orte sich selbst überlassen hat", sagt Felipe Michel, der Vorsitzende des Sportausschusses des Stadtrats von Rio. Für die Cariocas - die Einwohner von Rio de Janeiro - sei das traurig, aber die Aufgabe der Kommission sei es, daraus wieder ein olympisches Erbe zu machen.

"Rio ist noch ungleicher als vor den Spielen"

Die Olympischen Spiele hätten der Welt für ein paar Wochen die Illusion einer modernen, aufstrebenden Stadt vorgegaukelt, sagt Tarcisio Motta, der im Stadtrat die Fraktion der linken PSOL leitet. "Wir haben hier Hallen, die nicht genutzt werden, Schulden, Korruptionsskandale und eine Stadt, die jetzt noch ungleicher ist als vor Olympia." Das sei letztlich eine Last, die man ihnen überlassen habe. Alles müsse verwaltet und instandgehalten werden, obwohl die Bauten der Bevölkerung von Rio nichts gebracht hätten.

Tatsächlich haben die Spiele für Rio nicht allzu viel gebracht. Neue Straßen, ein Expressbus-System und eine U-Bahnlinie wurden gebaut, aber sie verlaufen nicht dort, wo die Cariocas sie heute dringend bräuchten.

Die Kriminalität ist zurück in den Favelas

Und letztlich sind auch die Versuche, die Kriminalität zurückzudrängen, gescheitert. Kurz nach den Spielen gab es kein Geld mehr für die Sondereinheiten der Polizei und die Nachbarschafts-Wachen. Die Drogengangs eroberten die Favelas zurück, heute teilen sie sich Macht und Geld mit Milizen, die mit der Polizei verwoben sind.

Eduardo Paes, damals und heute wieder Bürgermeister von Rio, versucht, seinen angekratzten Ruf wieder reinzuwaschen und gibt die Schuld seinem politischen Gegner, der vier Jahre lang die Metropole regierte. Jetzt, fünf Jahre nach den Spielen, soll die versprochene neue Nutzung der Sportstätten endlich angegangen werden. So sollen aus den Sporthallen vier Schulen werden.

"Das Erbe für die Stadt existiert. Man hat es schlecht behandelt, denn in den letzten Jahren wurde einfach alles schlecht behandelt", sagt Paes. "Und wir arbeiten jetzt sehr hart daran, das Ende dieser Geschichte umzuschreiben." Doch diese Versprechen kennen die Cariocas zur Genüge - schließlich haben sie sie schon vor den Spielen von 2016 gehört.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Juli 2021 um 06:48 Uhr.