Ein Aufbauhelfer schraubt Halterungen für Modellwaffen bei der NRA-Versammlung 2019 an der Wand fest. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

150 Jahre NRA Waffenlobby in Not

Stand: 16.11.2021 17:22 Uhr

Vor 150 Jahren bildete die NRA Schützen aus, erst nach politischen Morden wandte sie sich der Lobbyarbeit zu. Heute ist der US-Verein zwar ein Akteur, der Wahlen mitentscheidet - und steht doch mit dem Rücken zur Wand.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Mit der NRA, der National Rifle Association in den USA, verbindet man Sätze wie "Das einzige, was einen bösen Menschen mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Mensch mit einer Waffe". Gesprochen von Wayne LaPierre, seit 30 Jahren Geschäftsführer der größten Waffenlobby in den USA, eine der einflussreichsten politischen Organisationen überhaupt.

Arthur Landwehr ARD-Studio Washington

Wenn die NRA jetzt ihren 150. Geburtstag feiert, dann steht dieser Mann für ihren Aufstieg und gleichzeitig die existenzbedrohende Krise, in der sie sich befindet. Er steht für die Strategie, den Kulturkampf um das Recht auf Waffenbesitz anzufeuern und ihn damit zum politischen Druckmittel zu machen - Druck, den die NRA in alle politischen Richtungen ausübt. Dabei spielt sie mit zwei Grundthemen: Freiheit und Sicherheit.

Der zweite Verfassungszusatz, das Recht auf Waffenbesitz, symbolisiert für sie das Recht, sich gegen einen überbordenden, kontrollierenden Staat wehren zu dürfen. Die Angst, dass Recht und Ordnung zusammenbrechen und man auf diesen Staat als Schutz angewiesen sein könnte, ist der parallele Ansatz. Für diese Angst gibt es eine große und politisch wichtige Klientel, mit der es sich konservative Politiker im Wahlkampf nicht verscherzen wollen.

 

Waffen als Symbol für "Würde und Freiheit"

Eine Waffenlobby ist die NRA nicht immer gewesen. Bei ihrer Gründung vor 150 Jahren soll sie Soldaten helfen, besser schießen zu lernen. Die Treffsicherheit während des Bürgerkrieges ist auf beiden Seiten katastrophal. In Friedenszeiten sollen die Menschen schießen üben können, um im Krieg vorbereitet zu sein. Die neue Organisation baut dafür Schießstände und gründet Schützenvereine.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, spielt das keine große Rolle mehr, sondern es geht um den sicheren Umgang mit Waffen. Im Blick hat man dabei vor allem Jäger und Sportschützen - denn die Allgegenwart von Schusswaffen ist zu einer echten Sicherheitsbedrohung geworden. Erst als der Kongress nach den Morden an John F. und Robert Kennedy, Martin Luther King und Malcom X beginnt, Waffengesetze zu verschärfen und damit gegen Waffengewalt vorzugehen, macht die NRA politische Lobbyarbeit zum Zentrum ihrer Arbeit.

 

"Nicht 200 Millionen Waffen haben Kennedy getötet, eine" - mit Argumenten wie diesen beginnt der damalige Präsident der Organisation, Harold Glassen, die NRA zur Speerspitze des Kampfs für Waffenbesitz zu machen, den sie den "Kampf für die Freiheit des Individuums" nennt. Vorangegangen war ein erbitterter Machtkampf in der Führungsriege, die der konservative politische Flügel gewinnt. Dabei hat man immer wieder prominente Hilfe, zum Beispiel von Schauspieler Charlton Heston, der fünf Jahre lang die NRA als Präsident führt. Er ist populär und schafft es, Waffen und Freiheit in den Köpfen miteinander zu verknüpfen. "Wenn die Hände normaler Menschen ein so außergewöhnliches Instrument besitzen dürfen, dann symbolisiert das menschliche Würde und Freiheit", sagte er unter großem Beifall auf einer der Jahresversammlungen.

Auf dem Capitol Hill in der US-Hauptstadt Washington protestieren Schülerinnen gegen Waffengewalt. | AP

Nach Amokläufen gibt es seit Jahren heftige Proteste gegen die NRA (Archivbild von 2018) - weit weg von der Selbstwahrnehmung der Lobbygruppe als Freiheitskämpfer. Bild: AP

 Trump enttäuschte die NRA

Gut fünf Millionen Mitglieder hat die NRA, bekommt Spenden von Waffenherstellern genauso wie von konservativen Stiftungen. Umgekehrt finanziert sie den Wahlkampf von Politikern und sorgt für ihren Zielen angemessene Gesetzgebung. Abhängig macht sie Wahlkampfspenden von der richtigen Haltung zu Waffen - und lange Jahre sind ihre Wahlfragebögen bei Politikern gefürchtet.

Ex-Präsident Donald Trump gehört zu denen, die die NRA unterstützt. Schon sehr früh im Wahlkampf 2016 spricht sie sich für ihn aus, sorgt mit ihrem Wahlkampffond für Geldsegen in der Trump-Kampagne. Der verspricht, die Ziele der NRA zu unterstützen. Dass er später für bessere Kontrollen beim Kauf von Waffen eintritt, hat ihm viel Kritik von der Waffenlobby eingebracht.

Donald Trump (mi.) mit den beiden NRA-Führungskräften Chris Cox (li.) und Wayne LaPierre | AFP

Donald Trump mit den beiden NRA-Spitzen Chris Cox (links im Bild) und Wayne LaPierre auf dem NRA-Kongress "Leadership Forum" 2016. Bild: AFP

Skandale um versickerte Gelder

Der öffentliche Druck wird stärker, als man es am wenigsten gebrauchen kann. Vor allem nach Amokläufen an Schulen wird immer mehr unkontrollierter Waffenbesitz für die Taten verantwortlich gemacht - und damit die Organisation, die schärfere Kontrollen und Waffengesetze ablehnt. Als die NRA 2012 bewaffnete Polizisten an Schulen forderte, verlor sie auch konservative Unterstützer. Aber vor allem wegen einer Reihe von Skandalen und unkontrollierter Ausgaben, Korruption und Selbstbereicherung steht die Organisation seit ein paar Jahren mit dem Rücken an der Wand.

"Dutzende Millionen Dollar sind in Privatflüge geflossen, sechsstellige Summen für Anzüge von Wayne LaPierre. Exotische Reisen und so weiter", berichtet Tim Marks, der gerade ein investigatives Buch über die Skandale der NRA veröffentlicht hat. Hinzu kommt der Verdacht, russisches Geld für den Wahlkampf von Donald Trump gewaschen zu haben - nicht zuletzt finanzierte die NRA, wahrscheinlich unwissentlich, über Jahre eine russische Spionin, die inzwischen verurteilt wurde. Den Versuch, sich mit einer geordneten Insolvenz aus der Schusslinie zu bringen, lehnt das zuständige Gericht ab. Die NRA habe so viel Geld, dass sie alle Schulden bezahlen könne. Eine große, öffentlichkeitswirksame Jubelfeier zum Geburtstag ist jedenfalls nicht vorgesehen.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 16. November 2021 um 05:16 Uhr.