Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, bei einer Pressekonferenz (Bild vom 19.02.2021). | AP

New Yorks Gouverneur Cuomo Vom Corona-Helden zum Statistik-Leugner

Stand: 22.02.2021 19:35 Uhr

Gouverneur Cuomo ließ sich dafür feiern, wie vorbildhaft er New York durch die Corona-Krise führte. Doch dafür soll er Todeszahlen geschönt und Kritiker unter Druck gesetzt haben. Rücktrittsforderungen werden laut.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Nach einem echten Schuldgeständnis klingt es nicht, als Andrew Cuomo mit zerknirschter Miene vor die Presse tritt. "Ich übernehme die Verantwortung", sagt er. "Wir hätten schneller mehr Informationen offenlegen müssen."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

New Yorks Gouverneur muss sich schweren Vorwürfen stellen: Der Corona-Held, der weltweit dafür gefeiert wurde, wie vorbildhaft er die Metropole durch das dunkle Corona-Epizentrum geführt hat, soll vorsätzlich Todeszahlen vertuscht haben.

Dabei beteuerte er wochenlang: "Alle Todeszahlen in den Pflegeheimen und Krankenhäusern sind stets vollständig und akkurat berichtet worden." 8700 Menschen seien in New Yorks Alten- und Pflegeheimen mit einer Corona-Infektion gestorben. Doch inzwischen ist klar: Die wahre Zahl ist doppelt so hoch - 15.000 Menschen starben in den Einrichtungen.

Interne Widersacher eingeschüchtert?

New Yorks Staatsanwältin Letitia James ermittelt nun gegen Cuomo. Der sucht nach Ausflüchten: "Die Informationslücke, die wir geschaffen haben, ist mit Skepsis, Zynismus und Verschwörungstheorien gefüllt worden. Und die tragen zur Verwirrung bei."

Schließlich gab Cuomos engste Beraterin Melissa de Rosa zu: Das Büro habe Todeszahlen zurückgehalten, um mögliche Ermittlungen zu verhindern. Der "New York Post" sagte sie, der Cuomo-Stab habe gefürchtet, dass der damalige Präsident Donald Trump die echten Zahlen in seinen Attacken gegen New York einsetzen würde. Um das zu vermeiden, habe Cuomos Team lediglich die Todesopfer in der Statistik angerechnet, die in den Pflegeheimen gestorben sind - nicht aber diejenigen, die noch vor ihrem Tod in eine Klinik eingeliefert wurden.

Ein Trick, um Cuomos weiße Weste nicht zu beflecken, kritisiert der republikanische Senator im Staat New York, Robert Ortt: Der Gouverneur habe die Todeszahlen vorsätzlich heruntergespielt.

Immer mehr Demokraten schließen sich an. Cuomo habe "die Zahlen massiert", sagte die Landessenatorin Rachel May der "Washington Post". Und der Landtagsabgeordnete Ron Kim sprach es offen aus: "Anstatt die Gründe zu nennen, warum sie die Todeszahlen verschleiern wollten, lenkt  er ab. Und das kann er am besten."

Cuomo schäumt offenbar vor Wut. Er habe den Abgeordneten Kim durch Telefon angebrüllt, sagt der: "Er hat mir angedroht, wenn ich mich nicht füge, habe ich keine Zukunft."

Amtsenthebungsverfahren im Gespräch

Der Pflegeheim-Skandal hat eine Rebellion in Cuomos eigenen Reihen angefacht: New Yorks Demokraten haben genug von seinen Alleingängen, die durch Notstandsbefugnisse infolge der Covid-Pandemie ermöglicht wurden. Diese wollen sie Cuomo nun aberkennen. Immer lauter werden die auch Forderungen nach seinem Rücktritt.  

Der demokratische Kongressabgeordnete Antonio Delgado forderte nicht nur "Antworten", sondern auch politische Konsequenzen. Sogar ein Amtsenthebungsverfahren wie bei Ex-Präsident Trump ist im Gespräch.

Cuomo sucht zu beschwichtigen: "Lasst uns Emotionen, Politik und persönliches Ego da raushalten. Hier geht es um die Menschen und unseren Job."

Doch genau das große Ego werfen seine Kritiker Cuomo vor. Der Freund von US-Präsident Joe Biden, der bereits als möglicher Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl gehandelt wurde, hat es für viele übertrieben. Sie sagen: Die Pandemie, die Cuomo zum Helden gemacht hat, könnte ihn nun zu Fall bringen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 23. Februar 2021 um 11:03 Uhr.