Die Neumayer-Station III in der Antarktis. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Forschungsstation Neumayer III Garantiert Corona-freier Arbeitsplatz

Stand: 12.02.2021 14:58 Uhr

Der Betrieb der deutschen Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis muss trotz Pandemie weitergehen. Damit die Wissenschaftler einander ablösen und forschen können, ist einiger logistischer Aufwand nötig.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Die Reise zur deutschen Neumayer-III-Station in die Antarktis ist in normalen Zeiten erstaunlich unkompliziert: Erst ein Linienflug nach Kapstadt, dann der Weiterflug auf eine Gletscherpiste auf dem antarktischen Festland, und zu guter Letzt bringt eine Propellermaschine die Forscher auf die Schelfeis-Kruste, auf der die Neumayer-III-Station auf Stelzen thront. Drei Tage dauert diese Reise, doch in Pandemie-Zeiten ist daran nicht zu denken.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

"Wegen der Gefahr einer Corona-Infizierung hat das Alfred-Wegener-Institut (AWI) seine Logistik komplett umgestellt", sagt der diesjährige Expeditionsleiter Tim Heitland. Das Ziel: die Überwinterer aus dem ewigen Eis zurückholen und die neue Crew hinbringen. Zwei Wochen lang musste sich die Mannschaft um Heitland dazu in Bremenhaven in Quarantäne begeben. Mehrfach wurden PCR-Tests durchgeführt, um sicherzugehen, dass auch wirklich niemand das Virus im Rachen trägt.

Erst dann brachen die Corona-freien Forscher und Techniker auf für eine vierwöchige Fahrt nonstop Richtung Süden - auf dem altehrwürdigen deutschen Forschungsschiff "Polarstern". Die Versorgung der Station auf der Südhalbkugel ist nur möglich, wenn dort Sommer herrscht: Von März an, wenn auf der Nordhalbkugel schon Tauwetter einsetzt, machen dichtes Packeis und extreme Minustemperaturen das Anlegen an der Eiskante unmöglich.

Der stressigste Teil der Reise begann für Heitland und sein Team aber erst nach dem Anlegen: Tonnenschwere Container mit Lebensmitteln, Technik-Ersatzteilen und Pistenraupen sowie Tausende Liter Treibstoff mussten mit Kränen aufs Schelfeis gehievt werden. Von dort aus sind es einige Kilometer bis zur Neumayer-Station, die die Forscher per Motorschlitten und Pistenraupe zurücklegten.

Nach der Ankunft: Gespräche über die Pandemie

Der südlichste Arbeitsplatz Deutschlands ist derzeit wohl auch der einzige, der als völlig Corona-frei gilt. Masken müssen Heitland und sein Team nicht tragen, denn die Überwinterer waren vor Ausbruch der Pandemie - im Dezember 2019 - auf der Station eingetroffen.

Die neun Forscher vor Ort hatten eigentlich mit einer Ablösung im Dezember 2020 gerechnet. Doch wegen der Pandemie kamen Heitland und sein Team verspätet an. Beim ersten Zusammensein drehten sich die Gespräche vor allem um die Auswirkungen der Pandemie. "Ich musste den Überwinterern erstmal erklären, wie es 2020 war, als Konservendosen und Klopapier im Supermarkt-Regal fehlten", erzählt Heitland schmunzelnd via Skype, der außerdem pfälzischen Wein für das Mittwinter-Fest mitgebracht hat.

Forschungsprogramm nur abgespeckt möglich

Viel Zeit zum Klönen bleibt jedoch nicht: Die Neumayer-III-Station muss dringend vorm Verschwinden gerettet werden. Denn starker Schneefall sorgt dafür, dass die Forschungsstation regelrecht im Eis versinkt. Um das zu verhindern, arbeiten Techniker rund um die Uhr und heben die 16 Stelzen an - dafür bleibt in der Pandemie deutlich weniger Zeit als sonst.

Auch bei der Wissenschaft kann nur ein abgespecktes Programm durchgezogen werden: Tummeln sich sonst Pinguin-Forscher und andere Spezialisten in den Sommermonaten in der Antarktis, können derzeit nur die wichtigsten Forschungsgebiete aufrechterhalten werden. Zum Beispiel der Wetterballon, der täglich um elf Uhr in die Atmosphäre steigt und wichtige Langzeit-Klimadaten sammelt. "Die Atmosphären- und Klimaforschung sind wichtig, weil sie in globale Datenbanken eingespeist werden und wichtige Erkenntnisse versprechen", sagt Expeditionsleiter Heitland. "Ich bin froh, dass wir das auch während der Pandemie weiterführen."

Rekordflug der Lufthansa für Forschungsteam

Auch ein Forschungsprojekt auf der "Polarstern" erforderte aufwändige Logistik: 50 Wissenschaftler sammeln zwei Monate lang Klimadaten im antarktischen Weddellmeer. Dazu müssen sie Unterwasser-Messgeräte auswerten und mit neuen Batterien und Speichermedien bestücken.

Um die Forscher zum Schiff zu bringen, flog eine Lufthansa-Maschine sie von Hamburg auf die Falklandinseln - mit 15 Stunden und 13.700 Kilometern der bislang längste Nonstop-Passagierflug in der Geschichte der deutschen Fluggesellschaft.

Haben sie ihre Forschungsmission erfüllt, geht es für die "Polarstern" erneut an die Eiskante der Antarktis, um die Neumayer-Besatzung um Heitland abzuholen: Bis April wollen sie wieder zu Hause in Bremerhaven sein. Die Stellung am südlichsten Arbeitsplatz Deutschlands halten die nächsten Überwinterer - am wohl einzigen Arbeitsplatz, der derzeit als garantiert Corona-frei gelten kann.

Eine Reportage von Matthias Ebert zum Forschungseinsatz auf der Neumayer-Station sehen Sie auch heute in den tagesthemen - um 23.00 Uhr im Ersten.