Migranten sitzen neben ihren Habseligkeiten auf einer Steinmauer in Mexiko-Stadt. | AFP

Flüchtlingstreck durch Mexiko "Sehr traurig, all das, was hier passiert"

Stand: 18.12.2021 11:26 Uhr

Mehrere Flüchtlingstrecks sind derzeit auf dem Weg durch Mexiko in Richtung Norden. US-Präsident Biden hatte eine humanere Einwanderungspolitik versprochen. Doch davon spüren die Migranten noch nichts.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

Sie haben Tapachula im Süden Mexikos am 23. Oktober verlassen, zu Fuß machten sie sich auf den Weg in Richtung Norden. Anfangs waren es noch fast 2000 Migrantinnen und Migranten. Viele aber haben aufgegeben, weil sie zu erschöpft waren, verhaftet und deportiert wurden.

Anne Demmer

Nur 300 haben es bis nach Mexiko-Stadt geschafft, darunter sind viele Kinder. Bei ihrer Ankunft vor wenigen Tagen seien mexikanische Sicherheitskräfte brutal gegen sie vorgegangen, erzählt der 23-jährige Cesar Lionel Alvarez.

Es ist wirklich sehr traurig, all das, was hier passiert. Einige der Polizisten haben kein Herz. Menschen haben teilweise das Bewusstsein verloren, andere wurden mit Stöcken geschlagen. Sie wollten uns dazu bringen, in eine ganz bestimmte Herberge zu gehen. Wir waren nicht damit einverstanden. Sie haben uns mit ihren Schutzschilden gewaltsam zurückgedrängt und Tränengas versprüht. Ihnen waren auch die Kinder und die Frauen egal. Als Erwachsener verträgt man schon ein paar Schläge, aber die Kinder nicht.

Auf der Flucht vor Armut, Krisen und Korruption

Zu den Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Migrantinnen und Migranten kam es bereits kurz vor Mexiko-Stadt. Das Vorgehen stieß bei der Nationalen Kommission für Menschenrechte auf scharfe Kritik, die Sicherheitskräfte hätten gegen die Menschenrechte verstoßen, den Schutz der Kinder nicht gewährleistet - und hätten unverhältnismäßig Gewalt angewandt.

Es sind Menschen aus Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Haiti und Kuba gegen die die Polizei vorgegangen war. Die Menschen waren vor der Armut geflohen, der politischen Krise, der Korruption in ihren Ländern. Der 27-Jährige Melvin Zuñiga aus Honduras ist vor der Gewalt der Maras, der kriminellen Banden, geflüchtet.

Ich hatte in San Pedro Sula ein Geschäft. An einem Tag kamen Männer und sagten, dass ich von nun an eine bestimmte Summe Geld zahlen soll, über das ich aber gar nicht verfüge. Ich musste flüchten. Es war natürlich keine geplante Reise, daher war alles ein wenig kompliziert und ich musste mich auf dem Weg natürlich auch vor den Maras verstecken.

Melvin Zuñiga ist mit seiner Frau unterwegs. Sie mussten über Nacht alles zurücklassen. Jetzt versuchen sie einen legalen Aufenthaltsstatus zu bekommen: Sie wollen Asyl in Mexiko beantragen. Claudia Masferrer, Migrationsexpertin des Colegio de Colmex, beobachtet eine Zunahme der Asylanträge in Mexiko. Das Problem daran:

Die Bürokratie ist sehr träge. Die Behörden brauchen ein größeres Budget für genau diese Situation, um genau diese Menschen, die sich hier um Asyl bemühen, zu integrieren. Es wären einfache Schritte, die schon zu einer Verbesserung beitragen würden. Etwa die Änderung des Gesetzes, das es den Migranten verbietet, sich im Land zu bewegen. Das würde auch schon verhindern, dass es eine hohe Konzentration in Städten wie Tapachula gibt.

Grenzstadt Tapachula gleicht einem Flüchtlingslager

Allein Tapachula, eine Grenzstadt zu Guatemala, platzt aus allen Nähten. Sie ähnelt einem Flüchtlingscamp. Die Überfüllung, die Verzögerungen bei den Verfahren zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus und den humanitären Visa, Schikanen und Missbrauch durch lokale und bundesstaatliche Behörden - die dramatische Situation für die Migrantinnen und Migranten hatte auch Amnesty International immer wieder kritisiert.

Damit die Menschen gar nicht erst ihren Weg in Richtung Norden fortsetzen können, verstärkt die mexikanische Regierung die Südgrenze mit weiteren Sicherheitskräften. Genauso sehe es im Norden an der Grenze zu den USA aus, erklärt Masferrer. Die Politik beider Länder - die der USA und Mexikos - bringe die Migrantinnen und Migranten in Gefahr.

Wir erinnern uns, erst kürzlich hatten wir das Massaker von Camargo, bei dem 19 Migranten in Fahrzeugen verbrannt wurden und nun zuletzt diesen Unfall, bei dem mehr als 50 Menschen ums Leben gekommen sind. Das zeigt, dass diese Abschottungspolitik, vor allem die Verfolgung durch die Sicherheitskräfte - all das trägt dazu bei, dass die Migranten gefährlichere Wege suchen, sie müssen noch mehr Geld in die Hand nehmen und am Ende profitieren davon die Schlepper, während die Migranten ihr Leben aufs Spiel setzen.

Das Ziel: die USA

Erst vor wenigen Tagen war ein Lkw im Bundesstaat Chiapas verunglückt, mehr als 50 Migrantinnen und Migranten, die sich zusammengepfercht in dem Sattelschlepper befanden, sind bei dem Unfall gestorben.

Wie lange die Karawane in Mexiko-Stadt verweilen will, ist unklar. Das Ziel der Meisten - die USA - ist vorerst wieder ein Stück weiter weggerückt. Erst kürzlich ist auf richterliche Anordnung eine Maßnahme der Trump-Ära wieder in Kraft getreten: Asylsuchende, selbst wenn sie es schon illegal in die USA geschafft haben, müssen in Mexiko in überfüllten Camps warten, bis die US-Behörden über ihren Antrag entschieden haben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Dezember 2021 um 15:48 Uhr.