Impfzentrum in Alington (US-Bundesstaat Texas) | REUTERS

Ungleichheit in Mexiko Vermögend - und im Ausland geimpft

Stand: 21.02.2021 04:19 Uhr

In Mexiko verläuft die Impfung gegen Covid-19 schleppend. Reiche Bürger muss das weniger beunruhigen: Sie lassen sich in den USA impfen. Voraussetzung ist ein Wohnsitz dort - und manchmal nicht einmal das.

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko 

Die Maschine aus Texas landet am späten Abend am Flughafen von Mexiko-Stadt. Auffallend viele ältere Mexikaner verlassen das Gate. Unter ihnen ist Emilio, so will er genannt werden. Er ist 76 Jahre alt, und wegen des eisigen Unwetters in Texas vorzeitig in die Heimat zurückgekehrt, dabei hat er seine zweite Impfdosis gegen Covid noch nicht bekommen. "Das war der ursprüngliche Plan: Dass er drei Wochen in Texas bleibt, bis er beide Impfdosen bekommt“, erzählt sein Enkel, ebenso anonym.  

Xenia Böttcher ARD-Studio Mexiko City

Impftourismus ist ein Reizthema auf beiden Seiten der US-mexikanischen Grenze. Soziale Ungleichheit, die Vorteile der mexikanischen Oberschicht und Opportunismus, um sich selbst auf die sichere Seite zu bringen, prägen die Debatte. 

Das ist Emilio und seinem Enkel bewusst. Aber sie fühlen sich nicht im Unrecht. Emilio hat Parkinson, dies und das Alter bieten Grund zur Sorge. Er hat die Möglichkeit, also warum nicht zur Impfung in die USA reisen? Er macht es auch, weil er kein Vertrauen in die mexikanische Regierung und das Gesundheitssystem hat. 

Mit den Impfungen im Rückstand

Mexiko hat an Weihnachten 2020 offiziell mit seiner Impfkampagne begonnen, doch seitdem geht es nur langsam voran. Von den 126 Millionen Bürgern sind nicht einmal ein Prozent geimpft. Da waren die Lieferengpässe von Biontech/Pfizer einerseits, andererseits eine ungleiche Behandlung der Länder, die Impfstoffe bestellt haben - so jedenfalls erklärt es die mexikanische Regierung. Finanzstarke Länder wie Israel, Großbritannien, USA und die Länder der EU würden vorrangig beliefert. 

Klar ist: Bis die Impfung erledigt ist, kann nach Regierungsangaben noch ein ganzes Jahr vergehen. Viele halten das für absolut unrealistisch und wollen offenbar nicht warten. Eine noch junge Mexikanerin lässt sich vom Fernsehen interviewen, zeigt zufrieden das Pflaster am Arm nach der Impfung in den USA: "Die Wahrheit ist, das kann nicht jeder machen", gibt sie zu. "Vielmehr hat die Mehrheit in Mexiko nicht die Möglichkeit. Sie werden warten müssen, bis sie dran sind - und wer weiß, wann das ist."

Informationen werden weitergegeben

In WhatsApp-Gruppen tauschen sich zur Zeit viele Mexikaner aus, wo und wie sie vor allem ihre älteren Angehörigen in den USA impfen lassen können. Was es für den Impftourismus braucht? Vor allem die finanziellen Mittel, um ein Flugticket zu kaufen und einen PCR-Test zu machen, der in Mexiko mit etwa 150 Euro teuer ist. Es braucht ein Visum für die USA, das für einen einfachen Mexikaner nur schwer zu erlangen ist. Was vor allem hilft, ist der Nachweis eines Wohnsitzes in den USA.

Und so sind die Impftouristen zumeist wohlhabende Mexikaner wie Emilio, die Eigentum in den USA besitzen, zum Beispiel ein Ferienhaus in Florida oder Kalifornien. Selbst wenn sie nicht in den USA leben, können sie doch einen Wohnsitz dort angeben. Dann muss man sich allein im Internet anmelden - und wer zu einer Risikogruppe gehört, bekommt einen Termin und schlussendlich die Spritze. 

Ein Ärgernis für viele Mexikaner, die die soziale Ungleichheit leid sind, dass sich die Reichen und Mächtigen ein ums andere Mal ungeniert Vorteile verschaffen. Laut mexikanischer Regierung brachten vermutlich die wohlhabenden Mexikaner Covid-19 nach dem Skiurlaub in Colorado ins Land. Nun sind es auch die Wohlhabenden, die sich als erste mit einer Impfung vom Virus befreien könnten. 

Unter Polizeischutz wird auf dem Flighafen von Mexiko-Stadt Impfstoff von Pfizer/BioNTech ausgeliefert. | REUTERS

Am Dienstag erhielt Mexiko eine weitere Lieferung des Vakzins von Pfizer/BioNTech - unter Polizeischutz. Bild: REUTERS

Prominenter Moderator prahlt mit Impfung

So kam es zu einem fulminanten Shitstorm gegen den 73-jährigen TV-Moderator Juan José Orgel, der sich in Miami (US-Bundesstaat Florida) impfen ließ und das auf Twitter verkündete mit den Worten: "Wie traurig, dass mir mein Land diese Sicherheit nicht bietet."

Nur sein Geld habe diese Impfung möglich gemacht, er habe Risikopatienten und medizinischem Personal in den USA eine Impfdosis geraubt, er solle Würde zeigen und wenigstens Schweigen im Anbetracht der vielen Menschen, die Angehörige durch Covid verlieren - so lauten einige Reaktionen. 

Gouverneure unzufrieden

Der Impftourismus aus Mexiko sorgt für Ärger auch in den USA. Denn da warten noch genug ältere Bürger auf einen Impftermin. Ron DeSantis, Floridas Gouverneur, lehnt den Impftourismus vehement ab. In Texas bekräftigt Gouverneur Greg Abbott: "Impfungen in den USA sind für Bürger der USA. Impfungen in Texas sind für die Bürger von Texas."

Doch es bleibt dabei: Wer einen Wohnsitz vorweisen kann, kann sich weiterhin in Texas und Florida zur Impfung anmelden. In Kalifornien ist nicht einmal ein Wohnsitz gefordert. Ist Impfstoff vorhanden, wird er an diejenigen ausgegeben, die sich anmelden und zur Risikogruppe gehören. Menschenrechtsorganisationen befürworten das - schließlich sei die Covid-Impfung ein Menschenrecht und nicht an eine Nationalität gebunden. 

In einem Impfzentrum in Kalifornien (USA) werden Geimpfte auf mögliche Anzeichen von Nebenwirkungen beobachtet. | AFP

Anmeldung genügt: In Kalifornien können sich auch Bürger impfen lassen, die nicht in dem Bundesstaat gemeldet sind. Bild: AFP

Angst als Antriebsfeder

Diana ist 66 Jahre alt, leidet unter Bluthochdruck und sagt, sie habe sich aus Angst vor Covid ein Jahr zu Hause in Mexikos Hauptstadt eingesperrt. Vor zwei Wochen recherchierte sie über Impfmöglichkeiten in Kalifornien: "Mein Mann und ich hatten gemischte Gefühle: Wir sind keine Amerikaner, aber es ist eine Möglichkeit. Und ich bin sicher: Wenn ich an Covid erkranke, sterbe ich", wog sie ab.

Und weil es möglich war, machten sie es. "Als wir unseren mexikanischen Pass im Impfzentrum vorzeigten, gab es keinen einzigen bösen Blick. Alles war sehr freundlich und professionell", erzählt sie. 

Überrascht sei sie gewesen, weil so viele Mexikaner vor Ort waren, die ebenso geimpft wurden. "Wir haben nichts Unrechtes getan, wir haben einfach unsere Chance genutzt", so lautet ihre Haltung. Für die Impfung selbst musste sie nichts zahlen. 

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 17. Februar 2021 um 00:05 Uhr.