Andres Manuel Lopez Obrador, künftiger Präsident von Mexiko, nimmt an einer Veranstaltung mit Verwandten der 43 am 26. September 2014 verschwundenen Studenten teil. | dpa

Verschwundene Studenten in Mexiko Licht nach Jahren des Schmerzes

Stand: 27.09.2018 05:35 Uhr

Das genaue Schicksal von 43 Studenten in Mexiko ist auch vier Jahre nach ihrem Verschwinden nicht zur Zufriedenheit der Angehörigen geklärt. Der angehende Präsident macht ihnen Hoffnung auf neue Untersuchungen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Lebend haben sie sie mitgenommen, lebend wollen wir sie zurück - das rufen die Angehörigen der 43 verschwundenen Studenten seit vier Jahren. So lange schon erinnern sie Mexiko an die nationale Schande, an das unfassbare Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt ist.

Anne-Katrin Mellmann ARD-Studio Mexiko City

Der designierte Präsident Andrés Manuel López Obrador nimmt sich der Sache jetzt persönlich an. Zum Jahrestag trifft er sich mit den Eltern der 43 im Museum für Erinnerung und Toleranz in der Hauptstadt und verspricht ihnen eine Wahrheitskommission. Die soll gleich am Tag seiner Amtseinführung, am 1. Dezember, ihre Ermittlungen aufnehmen.

Joaquina García Velasquez ist zufrieden nach dem Gespräch mit dem künftigen Präsidenten. Vor dem Bauch trägt sie ein Foto ihres verschwundenen Sohnes Martín.

Das Treffen erfüllt uns mit Hoffnung. Es ist, als wäre ein Licht angegangen nach all den Jahren des Schmerzes. Das waren vier Jahre voller Lügen der aktuellen Regierung, die nie etwas für uns getan hat. Wir hoffen, jetzt endlich die Wahrheit zu finden und zu erfahren, was mit unseren Söhnen geschehen ist. López Obradors Losung ist: Gemeinsam schreiben wir Geschichte. Also dann: Wir wollen, dass er mit uns Geschichte schreibt.

Scheidende Regierung mit zweifelhafter Erklärung

Der neue Präsident wolle die Eltern sogar in die Arbeit der Wahrheitskommission einbeziehen, erzählt sie. Die scheidende Regierung dagegen habe die Angehörigen missachtet und mit einer angeblichen "historischen Wahrheit" abgespeist. Die lautet: Korrupte Polizisten hätten die 43 Lehramtsstudenten aus Ayotzinapa gemeinsam mit Verbrecherbanden entführt, ermordet und auf einer Müllhalde verbrannt.

Obwohl diese Version bereits vor Jahren widerlegt wurde, hält Präsident Enrique Peña Nieto auch am Ende seiner Amtszeit noch an ihr fest. Eine unabhängige internationale Expertengruppe hatte unter anderem herausgefunden, dass auf der Müllhalde keine Leichenverbrennung solchen Ausmaßes stattgefunden haben konnte.

Peña Nietos Nachfolger López Obrador will diese Expertengruppe nach Mexiko zurückholen und den Fall seinem neuen Menschenrechtsbeauftragten übergeben. "Ich habe den Eltern der Studenten von Ayotzinapa gesagt, dass ich halte, was ich ihnen im  Wahlkampf versprochen habe", sagt López Obrador. Man dürfe keine Angst vor der Wahrheit haben. Die Wahrheit stärke die Institutionen, Lügen schwächten sie. "Wir werden Gerechtigkeit üben", verspricht er den Angehörigen.

Auf dieser Müllkippe sollen die Leichen der verschleppten Studenten verbrannt worden sein.

Auf dieser Müllkippe sollen die Leichen der verschleppten Studenten verbrannt worden sein.

Zehntausende sind verschwunden

Dass überhaupt eine Wahrheitskommission eingesetzt werden muss, kritisieren viele als Armutszeugnis: Es zeige, wie wenig Vertrauen in die mexikanische Justiz besteht, die als korrupt gilt. Vier Jahre lang hätten die zuständigen Behörden den Fall nicht aufgeklärt, sondern verschleppt und verschleiert.

Die Regierung des scheidenden Präsidenten widersetzte sich sogar dem Urteil eines Landesgerichts, das eine Kommission zur Wahrheitsfindung gefordert hatte. Falls unter dem neuen Präsidenten der Fall der 43 doch noch aufgeklärt würde, wäre das eine Sensation - und Hoffnung für die Angehörigen von Zehntausenden, die in den vergangenen Jahren verschwunden sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. September 2018 um 05:50 Uhr.