Der frühere Generalstaatsanwalt Mexikos, Jesús Murillo Karam (Aufnahme vom 22.10.2014).  | AFP

Verschwundene Studenten in Mexiko Ex-Generalstaatsanwalt festgenommen

Stand: 20.08.2022 11:06 Uhr

Der mexikanische Ex-Generalstaatsanwalt Karam ist wegen seiner mutmaßlichen Verwicklung in den Fall der 2014 verschwundenen 43 Studenten festgenommen worden. Am Freitag hatte die Regierung die Studenten für tot erklärt.

Vor rund acht Jahren verschwanden in Mexiko 43 Studenten. Bis heute ist ihr Schicksal ungeklärt. Nun wurde der damals mit dem Fall betraute Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam festgenommen.

Dem früheren Generalstaatsanwalt werden Folter, Amtsvergehen und erzwungenes Verschwinden vorgeworfen, wie das Büro des amtierenden Generalstaatsanwalts Gertz Manero mitteilte. Des Weiteren seien Haftbefehle gegen 20 Offiziere der Armee, fünf lokale Amtsträger, 33 lokale Polizisten, elf Polizisten des Bundesstaats Guerrero sowie 14 Mitglieder der Drogenbande Guerreros Unidos ausgestellt worden, die in den Fall involviert gewesen sein sollen.

Es ist die erste Festnahme eines früheren Generalstaatsanwalts in Mexikos jüngerer Geschichte und eine der größten Massenverhaftungen von Soldaten der mexikanischen Armee durch zivile Strafverfolger.

Studenten wurden im September 2014 verschleppt

Jesús Murillo Karam hatte den Posten als Generalstaatsanwalt von 2012 bis 2015 unter dem damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto inne. Zudem war er Mitglied der Partei PRI, die Mexiko bis ins Jahr 2000 mehr als 70 Jahre lang ununterbrochen regiert hatte. Die PRI verurteilte seine Festnahme als politisch motiviert.

Die 43 Studenten eines linksgerichteten Lehrerseminars waren in der Nacht zum 27. September 2014 nahe der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero verschwunden. Sie sollen auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt gewesen sein.

Die Leichen der Studenten wurden nie gefunden. Fragmente verbrannter Knochen wurden jedoch drei der Studenten zugeordnet. Am Freitag hatte die mexikanische Regierung die jungen Männer offiziell für tot erklärt.

Karam hatte 2015 die offizielle Erklärung vorgelegt, welche Hintergründe das Verschwinden der jungen Männer angeblich hatte. Demnach waren sie von korrupten Polizisten verschleppt und an die Drogenbande Guerreros Unidos übergeben worden. Von dieser seien die Studenten getötet worden. Ihre Leichen seien verbrannt worden.

"Wahrheitskommission" spricht von "Staatsverbrechen"

Im Jahr 2019 richtete der Nachfolger Nietos und bis heute amtierende Präsident Andrés Manuel López Obrador eine sogenannte Wahrheitskommission ein, die den Fall neu untersuchen sollte. Sie besteht aus Regierungsvertretern, Angehörigen der Studenten und Fachleuten.

Erst am Donnerstag hatte dieses Gremium erneut einen Bericht ihrer Ermittlungen vorgelegt, der die Version Karams anzweifelt und Soldaten sowie Polizisten eine Mitschuld am Verschwinden der Studentengruppe zuschreibt.

"Ihre Taten, Unterlassungen oder Beteiligung ermöglichten das Verschwinden und die Hinrichtung der Studenten sowie die Ermordung von sechs weiteren Menschen", sagte der Leiter der Kommission, Alejandro Encinas, bei der Vorstellung des Berichts. Er sprach von einem "Staatsverbrechen".

Karam soll für Medientäuschung mitverantwortlich sein

Der heutige Generalstaatsanwalt Manero wirft seinem Vorgänger Karam vor, durch seine falsche Version der mutmaßlichen Ereignisse rund um die Verschleppung eine "massive Medientäuschung orchestriert" und eine "allgemeine Vertuschung" in dem Fall angeführt zu haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2022 um 06:00 Uhr sowie BR24 um 12:25 Uhr.