Menschen nehmen in Mexiko-Stadt an einer aztekischen Heilungszeremonie teil. | ARD-Studio Mexiko-Stadt

Mexiko Seelenreinigung für das neue Jahr

Stand: 01.01.2022 10:22 Uhr

Alles Negative loslassen: Viele Mexikaner nehmen das zu Neujahr wörtlich. Sie lassen sich von selbsterklärten Naturheilern von schlechten Energien reinigen. Die sehen darin ein stolzes Kulturerbe.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Am Platz vor der Kathedrale von Mexiko-Stadt herrscht Hochbetrieb: Die Menschen stehen Schlange, um sich in die Hände der Naturheiler zu begeben. Die sind mit Federn und Amuletten geschmückt, einer hat sich einen Krokodilschädel vor die Stirn geschnallt. In der Hand halten sie eine Tonschüssel, aus der Rauch vom glühenden Harz des Kopalbaums aufsteigt. Mit ein paar Pfefferbaumzweigen fächern sie den Rauch den Kunden zu. Später gibt es noch Kräuterbalsam auf die Haut.

Marc Dugge

"Der Kopalbaum hilft, negative Energien zu entfernen. Die Kräuter wirken ebenfalls - sie entfernen den bösen Blick, den sich manche eingefangen haben", erklärt Chiplali Tlatoali ist Mixteke aus Oaxaca, der schon seit 25 Jahren in Mexiko-Stadt lebt. "Außerdem blasen wir in diese Schneckenmuschel. Der Lärm weckt versteckte Energien und bringt den Geist ins Gleichgewicht."

Derzeit kämen jeden Tag Hunderte Menschen vorbei, um sich reinigen zu lassen, sagt er. Schon seine Vorfahren hätten das praktiziert: "Im Laufe eines jeden Jahres gerät unser Geist in Unordnung und sorgt für negative Gedanken. Diese Gedanken vernebeln uns - und diesen Nebel müssen wir lichten, jetzt, zum neuen Jahr." 

Menschen nehmen in Mexiko-Stadt an einer aztekischen Heilungszeremonie teil. | ARD-Studio Mexiko-Stadt

Menschen nehmen in Mexiko-Stadt an einer aztekischen Heilungszeremonie teil. Bild: ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Vielen steckt die Pandemie in den Knochen"

Auch Nelly Segura hat sich der Energiereinigung verschrieben. Viele ihrer Kunden kämen nur, um es einfach mal auszuprobieren, erzählt sie. In diesem Jahr sei das besonders nötig: "Das Jahr war hart. Vielen steckt diese Covid-Pandemie noch sehr in den Knochen, psychisch und spirituell leiden sie sehr darunter."

Tomaso und Roxana haben sich für die Reinigung angestellt. "Es ist das erste Mal, dass ich komme, um zu sehen, ob es funktioniert oder nicht", erzählt Tomaso. Er will das neue Jahr auf dem richtigen Fuß beginnen, "mit guten Energien."

"Ich wollte diese Reinigungszeremonie mal selbst erleben, weil ich es interessant fand. Um alles, was mich beschwert, loszulassen und mich ein bisschen leichter zu fühlen", sagt Roxana. "Ich denke, der Glaube an bestimmte Dinge ist das, was einen Menschen ausmacht - und wenn Du an etwas fest glaubst, wird es meist Wirklichkeit."

Glaube an Azteken-Zeremonie erhalten

Von diesem Glauben leben die selbsterklärten Heiler auf dem Platz, auch Ernesto Martinez. Doch für ihn geht es hier um viel mehr als nur um Geld: Es geht ihm vor allem auch darum, das Erbe der Azteken lebendig zu halten.

"Die Reinigungen sind nichts Neues, nichts Hübsches, was wir für die Touristen machen", sagt er. "Es ist etwas, was wir immer gemacht haben." Seine Vorfahren seien in den Tempel gegangen, bevor sie in die Schlacht zogen, um ihren Körper und ihre Seele reinigen zu lassen: "Sie wussten, dass sie vielleicht nicht zurückkehren würden. Aber sie waren bereit dazu."

Diese Tradition werde fortgesetzt, sagte er: "Vor mir gab es viele, nach mir werden viele kommen, nach meinen Kindern und Enkelkindern. Das wird bleiben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Januar 2022 um 13:52 Uhr.