Huipiles | Jenny Barke
Reportage

Mexiko Muster-Gesetz für kulturelles Eigentum

Stand: 30.07.2022 15:22 Uhr

Mit indigenen Mustern verdienen Bekleidungs-Riesen viel Geld - die Mexikanerinnen, die sie entwickelt haben und herstellen, bekommen davon nichts. Als erstes Land der Welt schützt Mexiko nun seine Modekunst per Gesetz vor der Aneignung durch Konzerne.

Von Jenny Barke, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Vier Nähmaschinen, Regale voller bunter Garne, vier Frauen fokussiert mit gesenktem Blick auf die vor ihnen liegenden weißen Stoffe: Im Bergdorf Santa Maria Tlahuitoltepec, drei Stunden über kurvige Straßen entfernt von Oaxaca, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, entstehen Huipiles - traditionelle Hemden und Blusen, wie sie die indigen geprägten Gemeinschaften in Oaxaca sowie in ganz Mexiko und Mittelamerika tragen.

"Die Erwachsenen tragen die Stücke zu besonderen Anlässen wie Geburts- und Feiertagen, Hochzeiten, aber auch im Alltag", erklärt Virginia Balbuena Gomez. Gemeinsam mit ihren Schwestern, Cousinen und Freundinnen hat sie ihre Tradition zum Beruf gemacht. Untereinander sprechen sie Ayuujk, die Sprache der indigenen Gemeinschaft Mixe.

Doch sie haben sich auch der Modernität angepasst: Ihre Kollektionen bewerben sie digital auf Social-Media-Plattformen auf Spanisch. Den Huipil von Tlahuitoltepec besticken sie mit rot-schwarzem Garn in stern- oder federförmigen Mustern, die an Flüsse, Pfade, Blumen, Sonnen oder an die mexikanische Agave erinnern, aus der unter anderem Mezcal und Tequila gemacht wird.

Virginia Balbuena Gomez | Jenny Barke

Virginia Balbuena Gomez hat gemeinsam mit ihren Schwestern, Cousinen und Freundinnen eine Kooperative gegründet. Bild: Jenny Barke

"Fehlt am menschlichen Respekt"

Mit ihrem Kollektiv machen sich die Frauen finanziell unabhängig - von den Männern ihrer Gemeinschaft, aber auch von externen Geschäftspartnern, die einen Großteil des Gewinns für sich selbst behielten, sagt Virginia.

Doch vor Plagiaten können auch die Kollektive die Frauen nicht schützen: Das US-Unternehmen Anthropologie sowie die Luxusdesignerin Isabel Marant haben das Agaven-Stickmuster aus Tlahuitoltepec eins zu eins übernommen. Auch Zara, Levis oder Mango plagiieren munter indigenes Design. Ohne zu fragen, geschweige denn, die Kunsthandwerkerinnen dafür zu bezahlen.

Diese unrechtmäßige kulturelle Aneignung ärgert Ana Paula Fuentes, selbst Modedesignerin und Gründerin des Textilmuseums von Oaxaca. "Hier fehlt es gravierend am menschlichen Respekt, oder nicht?", sagt sie. "Und alles, weil sie nicht verstehen, was dahinter steht. Das Design von ihnen zu stehlen, bedeutet, ihre Identität stehlen. Weil du von oben herab auf sie schaust. Ich nutze dich, um mich zu bereichern, das ist es."

Die Plagiate können die Existenz der indigenen Gemeinden bedrohen: Einige Firmen stellen die Kopien maschinell in Serie her - die Kopien sind billiger, überschwemmen die lokalen Märkte und konkurrieren mit den handgefertigten Stücken. Andere Firmen verkaufen die Plagiate hochpreisig als Designerstücke, ohne die Gemeinden zu beteiligen.

Frauen vom Kollektiv Davaa, die Schuhe herstellen und vermarkten. | Jenny Barke

Sie vermarkten ihre selbst hergestellten Schuhe in Eigenregie: die Frauen vom Kollektiv Davaa Bild: Jenny Barke

Gesetz soll geistiges Eigentum schützen

Deshalb hat das mexikanische Kulturministerium ein Gesetz verabschiedet, das das kulturelle Erbe der indigenen und afro-mexikanischen Völker schützen soll. "Das Gesetz impliziert, dass die gesamte indigene Gemeinschaft sich abstimmen und damit einverstanden sein muss, dass ein Unternehmen oder ein Designer, eine Designerin eines ihrer Elemente oder Muster übernimmt und außerhalb der Gemeinschaft reproduziert", erklärt Oaxacas Senatorin Susana Harp, die das Gesetz mit initiiert hat.

Modefirmen, die die von den indigenen Gemeinschaften aufgestellten Regeln missachten, droht nun eine hohe Geld- oder mehrjährige Haftstrafe. Das Problem: International hat das Gesetz noch keine Schlagkraft. Die chinesische Fast-Fashion-Marke Shein soll jüngst ebenfalls das Modedesign einer Maya-Gemeinde plagiiert haben. Doch die Firma konnte trotz des neuen mexikanischen Gesetzes nur von der Regierung verwarnt werden.

Nicht die einzige Schwäche des Gesetzes, kritisiert die indigene Politologin Ariadna Solis: Das Gesetz sei ohne Mithilfe der Gemeinden ausgearbeitet worden. Es sei schwammig formuliert - und es gebe keine Übersetzung in indigene Sprachen. Ihrer Meinung nach öffnet das Gesetz eher Türen für eine unrechtmäßige kulturelle Aneignung, statt sie zu verschließen: "Dieses Gesetzt ist wirklich sehr paradox, denn es enthält eine Reihe von Elementen, die es den Unternehmen erst ermöglichen, den Staat um Erlaubnis zu bitten und sich dann legal kulturelles indigenes Eigentum anzueignen."

Eine Näherin stickt mit der Maschine ein traditionelles Muster auf eine Bluse. | Jenny Barke

Eine Näherin stickt mit der Maschine ein traditionelles Muster auf eine Bluse. Bild: Jenny Barke

Zwist zwischen Gruppen programmiert?

Wer Muster und Entwürfe kommerzialisieren darf und wer nicht, stehe nicht im Gesetz - das könnte zu Streit innerhalb der Gruppen führen, die durch ihr Kunsthandwerk seit Jahrhunderten zusammengehalten werden. Allein im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca gibt es über 100 verschiedene Näh-, Stick- und Webtechniken und Stile.

Für sie sie die Mode mehr als ein Geschäft, sagt Textil-Kulturexpertin Ana Paula Fuentes: "Das Kunsthandwerk existiert seit, ja, eigentlich seit dem Beginn der Menschheit. Das ist hier durch und durch eine Gemeinschaftsarbeit und außerdem eine, die Familien vereint."

Ein Gesetz zur Regelung des Verkaufs indigener Mode ist deshalb ein zweischneidiges Schwert: Wird die Mode kommerzialisiert und eine Gemeinde daran beteiligt, steigt die Wertschätzung für das Kunsthandwerk. Doch mit der Nachfrage steigt der Preis - sodass sich dann die überwiegend bescheiden lebenden Indigenen ihre eigene Mode nicht mehr leisten könnten.

Damit könnte die Kommerzialisierung auch zum Verfall indigener Werte beitragen: dem kollektiven, identitätsstiftenden Miteinander in jahrhundertealter Tradition.

Ein Färber wringt ein Knäuel frisch gefärbter Wolle aus. | Jenny Barke

Auch die Wolle für die traditionelle Kleidung wird von der Kooperative selbst gefärbt. Bild: Jenny Barke

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2022 um 13:48 Uhr.