Mitglieder der Nationalgarde sperren in Tapachula (Mexiko) eine Straße ab, um Migranten zu stoppen. | EPA

Flüchtlinge in Mexiko Endstation Tapachula

Stand: 14.09.2021 16:33 Uhr

Im Süden Mexikos warten im Grenzort Tapachula wieder viele Migranten darauf, in Richtung USA weiterziehen zu können. Sie werfen den Behörden vor, sie brutal zu stoppen und vermuten einen Deal mit den USA.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Wir wollen eine Lösung", protestiert eine Gruppe Migrantinnen und Migranten, wie in einem Video zu sehen ist, das in den sozialen Netzwerken geteilt wird. Die Männer und Frauen, ganze Familien leben auf der Straße, weil sie nicht wissen, wohin. In der Stadt Tapachula mit rund 350.000 Bewohnern an der Grenze zu Guatemala stranden die Migrantinnen und Migranten - aus El Salvador, Guatemala, Honduras, aber auch Tausende Haitianer auf ihrem Weg Richtung Norden.

Anne Demmer

Eine haitianische Frau berichtet verzweifelt gegenüber der Online-Ausgabe der mexikanischen Tageszeitung "La Jornada", dass sie gezwungen sei, in dem Ort auszuharren. "Ich sterbe vor Hunger. Ich habe keine Arbeit, ich habe nichts. Ich kann hier noch nicht einmal die richtigen Papiere beantragen. Ich habe einen Termin bei der Ausländerbehörde für den 9. Dezember bekommen. Aber davor werden meine Tochter und ich sicher auf der Straße sterben."

Gerade die haitianischen Migrantinnen und Migranten würden diskriminiert, wie immer wieder zu hören ist. In der vergangenen Woche demonstrierten sie gegen die mexikanischen Behörden, weil die ihre Asylanträge nicht bearbeiteten und sie teils einfach nach Guatemala abgeschoben wurden.

In Tapachula (Mexiko) sammeln sich Migranten, um in Richtung USA weiterzuziehen | AP

Immer wieder bilden sich in Tapachula größere Gruppen von Migranten, die in Richtung USA weiterziehen wollen. Doch ihre Aussichten, auch nur in die Nähe der Grenze zu kommen, sind schlecht. Bild: AP

Jagd auf "Papierlose"

Obwohl die Behörden überbelastet sind, dürfen die Migrantinnen und Migranten ohne die entsprechenden Papiere nicht die Grenzstadt verlassen, um in einem anderen mexikanischen Ort Asyl zu beantragen. Die Stadt hat sich in einziges großes Camp verwandelt. Die Migrationsbehörde macht regelmäßig Jagd auf die, die versuchen, auch ohne Papiere ihren Weg fortzusetzen. Tapachula ist zum Gefängnis geworden. Es gibt keine Arbeit, keine Unterkünfte und auch nicht ausreichend medizinische Versorgung - und das in Corona-Zeiten.

Vor wenigen Tagen beschworen Vertreter der mexikanischen und US-amerikanischen Regierung die guten Beziehungen der beiden Nachbarländer und versprachen finanzielle Unterstützung für die Herkunftsländer, um die Migration aufzuhalten. Doch wie die konkrete Situation in Tapachula gelöst werden könne, sei kein Thema, kritisiert Enrique Vidal vom Menschenrechtszentrum Fray Matias de Cordova in Tapachula, gegenüber "La Jornada". Die Stadt sei am Limit und nicht auf die Bedürfnisse der Menschen auf der Suche nach Schutz eingestellt.

Dass mehr Menschen kommen als in den Jahren zuvor, räumt auch Vidal ein. Aber es mangele an Geld und an der Bereitschaft der Regierung, die Rahmenbedingungen für eine angemessene Betreuung der Migranten zu schaffen: "Es gibt von staatlicher Seite gar nicht den Willen, die Situation zu analysieren. Statt nach wirklichen Lösungen zu suchen, wird die Migrationspolitik militarisiert", kritisiert er und spricht von Vorfällen in den vergangenen Tagen, bei denen das Militär brutal und unwürdig gegen die Migrantinnen und Migranten vorgegangen sei, wobei Familien getrennt und die Rechte der Kinder und Jugendlichen verletzt worden seien.

Tausende Soldaten sollen Flüchtlinge stoppen

Die mexikanische Regierung hat in Chiapas 14.000 Nationalgardisten, Soldaten und Angehörige der Marine stationiert, um die Menschen auf der Flucht vor Armut, Hunger und der Gewalt in ihren Ländern aufzuhalten. Und es werden immer mehr Flüchtlinge. Waren es laut offiziellen Zahlen im Jahr 2019 noch 70.400, werden in diesem Jahr mehr als 120.000 erwartet, die sich auf den Weg Richtung USA machen. Viele von ihnen hätten bereits länger Station in anderen Ländern gemacht und erfüllten schlicht nicht die Bedingungen für Asyl in Mexiko, lautet das Argument der Behörden.

Doch die Südgrenze werde nur "konjunkturell" gesichert, meint der Präsident des Komitees für Menschenrechte von Nuevo Laredo, Raymundo Ramos, und dazu gebe es immer wieder Vereinbarungen zwischen den USA und Mexiko: "Die USA schicken jetzt zum Beispiel Impfstoff nach Mexiko, im Gegenzug sorgt Mexiko dafür, dass die Migranten ihren Weg Richtung Norden nicht fortsetzen. Es ist ein Geschäft, niemals der bloße gute Wille."

Derweil gibt es auch im Norden unmittelbar an der Grenze zu den USA einen weiteren Rückschlag für die Menschen auf der Flucht: Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte einen Antrag auf Aussetzung der "Remain in Mexico"-Politik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump ab. Asylsuchende müssen nun wieder in Mexiko bleiben, bis ihr Verfahren geklärt ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2021 um 05:16 Uhr.