Kreuze mit den Namen von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, stehen vor dem Nationalpalast und der Kathedrale in Mexiko-Stadt (Archivbild 2019). | dpa

Medien in Mexiko Morddrohung nach Berichterstattung

Stand: 12.08.2021 11:58 Uhr

Mexiko gilt weltweit als eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Eine bekannte Journalistin wird nun mit dem Tod bedroht. Präsident Obrador verspricht Schutz - gleichzeitig prangert er kritische Berichte an.

Von Anna Hanke, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Azucena Uresti ist eine der bekanntesten Journalistinnen in Mexiko. Sie moderiert Nachrichtensendungen sowohl  im Fernsehen als auch im Radio. In einem Video, das über die sozialen Medien verbreitet wurde, verliest ein maskierter Mann, umringt von fünf schwerbewaffneten Kämpfern, eine Erklärung. Sie soll von Nemesio Oseguera Cervantes stammen, dem Boss eines der mächtigsten Drogenkartelle in Mexiko. Darin wird Uresti mit Mord gedroht, wenn sie nicht ihre Berichterstattung ändert. Die Warnung richtet sich auch an wichtige Medien des Landes.

Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador erklärte umgehend seine Solidarität mit der Journalistin und versprach Schutz: "Wir sind bei ihr", so der Präsident. Für die Sprecherin von Reporter ohne Grenzen in Mexiko, Balnina Flores, geht die Erklärung nicht weit genug:

Es reicht nicht, dieser Journalistin Schutz zu versprechen, ohne die anderen Journalisten zu erwähnen. Die Behörden müssen intensiv gegen diejenigen ermitteln, die dreist und völlig unbehelligt ihre Drohungen in die sozialen Netzwerke stellen konnten. Schutz zu bieten ist gut, aber das reicht nicht aus.

Übergriffe bleiben fast immer straflos

Übergriffe gegen Journalistinnen und Journalisten bleiben in Mexiko fast immer straflos. Sie gehören zum Alltag – und nehmen zu: Fast 700 Attacken auf Journalisten hat die Organisation "Artikel 19", die sich für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzt,  im letzten Jahr gezählt.

Die Übergriffe reichen von Social-Media-Kampagnen bis hin zu Mord, erklärt der Regionaldirektor für Mexiko und Mittelamerika, Leopoldo Maldonado. In vielen Teilen Mexikos reiche schon eine Drohung, eine SMS, die Kritik öffentlicher Behörden, um Journalisten einzuschüchtern. "Sie wissen, wenn sie mit ihrer Berichterstattung weitermachen, werden die Aggressionen stärker. Sie können festgehalten oder verprügelt werden, in ihre Büros oder Wohnungen kann eingebrochen werden, oder sie können sterben", so Maldonado.

Bereits vier Journalisten 2021 ermordet

Die mexikanische Regierung hat vor einigen Jahren ein Schutzprogramm für gefährdete Menschenrechtsaktivisten und Journalisten aufgelegt. Knapp 1500 Menschen stehen unter dem Schutz des Innenministeriums, darunter rund 400 Journalistinnen und Journalisten. Das Programm müsse deutlich aufgestockt werden, fordert Maldonado. Allein in diesem Jahr sind bereits vier Journalisten ermordet worden.

Widersprüchlicher Kurs gegenüber Medien?

Nichtregierungsorganisationen werfen der mexikanischen Regierung vor, einen widersprüchlichen Kurs gegenüber den Medien zu fahren. Zwar betone sie die Pressefreiheit, doch kritische Berichterstattung werde angeprangert.

Präsident Obrador hält jeden Morgen eine Pressekonferenz, seit einigen Wochen ist mittwochs eine neue Sparte dazu gekommen: "Wir informieren jetzt über 'Wer ist wer bei den Lügen'“. Eine Mitarbeiterin des Präsidenten trägt die Anschuldigungen vor: "Die erste Nachricht - die Zeitung 'Reforma' veröffentlicht eine Lüge auf der ersten Seite“. Es geht diesmal um die finanzielle Unterstützung für Wissenschaftseinrichtungen. Oft werden auch die Autoren der Beiträge namentlich genannt. Für Maldonado von "Artikel 19"gehört diese wöchentliche Konferenz abgeschafft:

Der Staat oder ganz konkret der Regierungschef erheben sich praktisch zum Richter über Wahrheit und Lüge, was gegen das internationale  Recht der Pressefreiheit verstößt. Es ist eine neue Stufe  der Diskreditierung der Presse - die vorher schon in der täglichen Pressekonferenz  betrieben wurde. Die Methodik ist nicht klar. Keiner weiß, welche Nachrichten ausgewählt werden und wie festgestellt wird, dass es sich um falsche Tatsachen handelt. Selbstverständlich verstärkt diese Praxis die Feindseligkeit gegenüber der Presse.

Diverse Medien prangern Straflosigkeit an

Nach der öffentlichen Drohung gegen die Journalistin Uresti und diverse Medien haben 20 Zeitungen, Fernsehstationen und Online-Plattformen gemeinsam eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Straflosigkeit solcher Übergriffe anprangern: "Es ist Zeit, die Meinungsfreiheit im Land zu garantieren - und nicht mit Stigmatisierungen zu schwächen“, heißt es darin.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 12. August 2021 um 11:52 Uhr.