Eine Gesundheitsarbeiterin der mexikanischen Armee wird im Hospital Central Militar gegen Covid-19 geimpft. | dpa

Corona-Pandemie in Mexiko Impfstoff für alle - bis auf die Pfleger?

Stand: 02.02.2021 11:23 Uhr

Mexiko war das erste lateinamerikanische Land, das mit den Impfungen begann. Trotzdem sind viele Pfleger noch nicht geimpft - und riskieren dadurch ihr Leben. Experten bemängeln fehlende Transparenz.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Rund 50 Ärzte und Krankenschwestern haben sich vor einem Krankenhaus im Süden von Mexiko-Stadt versammelt, sie blockieren die Straße, tragen Plakate vor sich her. "Wir wollen geimpft werden", skandieren sie. Ihre Wut richtet sich gegen den Krankenhausdirektor, er soll ihnen Rede und Antwort stehen.

Anne Demmer

Auch Uriel Ribas ist unter den Demonstranten. "Wir protestieren hier, weil es jetzt schon keine Impfungen mehr für uns gibt, obwohl wir unmittelbar mit Covid-Patienten zu tun haben. Einige von uns haben die erste Impfung schon bekommen, aber wir brauchen eine weitere, damit der Schutz seine volle Wirkung entfaltet", sagt er. "Wir brauchen die Impfung, damit wir weiterarbeiten können."

Bereits 2470 Tote aus dem Gesundheitsbereich

Uriel Ribas ist Krankenpfleger. Seine erste Impfung hat er bekommen. Wann die zweite folgen wird, weiß er jedoch nicht. Der 31-Jährige nimmt als Pfleger Proben von Covid-Patienten. Er ist täglich dem Risiko ausgesetzt, sich anzustecken. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen in Mexiko sind an dem Virus gestorben. Laut offiziellen Zahlen waren es im letzten Jahr seit Beginn der Corona-Krise 2470 Mitarbeiter aus dem Gesundheitsbereich.

Damit führt das Land zusammen mit den USA einen traurigen Rekord weltweit an. Zwar steht das Gesundheitspersonal in Mexiko wie in vielen anderen Ländern ganz oben auf der Prioritätenliste für die Impfung, doch die Realität sehe anders aus, meint der Pfleger. "Leute, die beispielsweise von zu Hause arbeiten, die überhaupt nicht mit Covid-Patienten in Kontakt sind, die haben bereits beide Impfungen bekommen, Personal aus der Verwaltung oder auch von der Gewerkschaft."

Mexiko hat mehr Todesfälle als Indien

Die Krankenhausleitung sei korrupt, sagt er. Der gesamte Prozess sei chaotisch. Dabei ist die Not groß. Mexiko hat Indien als Land mit den drittmeisten offiziell registrierten Toten infolge der Pandemie abgelöst. Mehr als 158.000 Menschen sind am Coronavirus gestorben. Die Krankenhäuser sind am Limit. Es gibt kaum freie Betten.

Ein Sanitäter ruht sich hinter einem Krankenwagen aus. | dpa

Ein Sanitäter ruht sich hinter einem Krankenwagen aus. Bild: dpa

Der Rettungssanitäter Rodolfo Pelayo Nieto schiebt mittlerweile doppelte Schichten. Er selbst hat bereits zwei Impfungen bekommen und ist sehr froh darüber. Dass allerdings in Campeche, einem Bundesstaat im Süden Mexikos mit vergleichsweise niedrigen Fallzahlen, bereits Lehrer geimpft werden, empfindet er als Provokation.

Der Präsident sorgt für Unverständnis

"Das macht doch wirklich keinen Sinn. Aber solche Entscheidungen werden ganz oben getroffen. Diese Leute haben doch keine Ahnung von dem, was in den Krankenhäusern wirklich passiert", sagt er. "Sie müssen die ganzen Toten nicht sehen, oder in welchem Zustand die Menschen hier ankommen. Sie kennen die Realität nicht, haben ein anderes Bild."

Auch über den mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador ärgert er sich. Er wurde erst kürzlich positiv getestet. In der Öffentlichkeit trat er selten mit Mundschutz auf. Seine Amulette und seine Ehrlichkeit würden ihn schützen, betonte er immer wieder.

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador trat bislang selten mit Mundschutz auf. | dpa

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador trat bislang selten mit Mundschutz auf. Bild: dpa

"Es fehlt an Transparenz"

Der Umgang des mexikanischen Präsidenten mit der Pandemie war lax. Trotzdem gehört Mexiko nun zu den ersten Ländern in Lateinamerika, die mit dem Impfprozess begonnen haben. Doch es fehle an Transparenz, kritisiert der Pharmakologe Fermin Valenzuela.

"Es ist gar nicht klar, warum man den einen Impfstoff zulässt und andere ablehnt", sagt er. "Die Impfstrategie ist nicht öffentlich zugänglich. Aber genau diese Informationen gehen uns alle etwas an."

Mexiko versucht, sich möglichst breit aufzustellen: In mexikanischen Medien ist die Rede davon, dass bereits in der nächsten Woche die ersten 200.000 Einheiten des russischen Impfstoffs Sputnik V geliefert würden - sofern er am Ende wirklich zugelassen wird.

"Werden gesteckte Ziele nicht erreichen"

Generell sei der Zeitplan für die Impfungen zu ambitioniert und somit unrealistisch, sagt der Top-Virologe Alejandro Macías, der schon während der Schweinegrippe zum führenden Experten wurde.

"Wir sollten bis April fünf Millionen Dosen von BioNTech und Pfizer bekommen, was uns den Übergang zur Impfung mit AstraZeneca erlaubt hätte, da hat Mexiko bereits den Zuschlag für mehr als 70 Millionen Dosen bekommen", sagt er. "Doch nun kommt die Lieferpause von Pfizer. Am Ende werden wir die gesteckten Ziele nicht erreichen, der Impfstoff reicht nicht aus, noch nicht einmal, um komplett das Gesundheitspersonal zu impfen, das zur ersten Gruppe gehört."

Impfstoff-Kühlung in ländlichen Regionen schwierig

Sobald AstraZeneca in Mexiko erhältlich ist, könnte es schneller gehen. Denn der Impfstoff benötigt nur Kühlschranktemperaturen, anders als bei dem von BioNTech und Pfizer, der bei 70 Grad minus gekühlt werden muss. Auf diese Weise gebe es auch in ländlichen Regionen kein Problem.

Vorausgesetzt, die Menschen wollen sich überhaupt impfen lassen. Die Bewohner der Dorfgemeinschaften in der Nähe der archäologischen Maya-Stätten von Palenque stehen einer möglichen Impfung eher skeptisch gegenüber, denn sie fühlen sich nicht ausreichend informiert, berichtet Maria.

"Sie vertrauen lieber auf ihre eigene Medizin"

Die Gesundheitsberaterin einer lokalen Nichtregierungsorganisation, die sich für Frauenrechte einsetzt, besucht die Gemeinden regelmäßig. In der Corona-Krise spricht sie mit ihnen allerdings nur am Telefon. "Sie vertrauen lieber auf ihre eigene Medizin", sagt sie. "Sie erforschen selbst, was gegen Husten oder auch gegen Fieber hilft, brauen ihren Tee. Die Rezeptur geben sie dann an ihre Nachbarn und andere Gemeinden weiter."

Vor einigen Wochen sei das Militär in den Dörfern aufgetaucht, mit langen Listen, in denen sich die Bewohner eintragen sollten. Es gebe kein Vertrauen, meint Maria. "Sie fragen sich, was die Sicherheitskräfte damit zu tun haben. Wir sind keine Kriminellen, wir sind keine Gauner, sagen sie. Sie verstehen gar nicht was das soll. Sie wollen sich nicht impfen lassen."

Pfleger fahren einen am Coronavirus Erkrankten in ein Krankenhaus in Mexiko-Stadt | AFP

Pfleger fahren einen am Coronavirus Erkrankten in ein Krankenhaus in Mexiko-Stadt. Bild: AFP

Bis zur Herdenimmunität wird es noch dauern

Die Sicherheitskräfte der Nationalgarde haben die Koordinierung für die Impfstoffverteilung übernommen. Auch der Pfleger Uriel Ribas, der weiter vor seinem Krankenhaus protestiert, findet das eine Fehlentscheidung. "Seit dem Antritt dieser Regierung erfährt das Land eine Militarisierung. Die Nationalgarde übernimmt auch zivile Funktionen, für die sie nicht geeignet ist, da sie über keine Erfahrungen verfügt. Deswegen laufen Dinge auch so desaströs ab."

Während er das erzählt, hält er sein Plakat hoch: "Wir wollen geimpft werden". Seine Forderung wird an diesem Tag von der Klinikführung ignoriert.

Bis in Mexiko 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sein werden, könnte es laut Prognosen des Thinktanks "Economist Intelligence Unit" noch lange dauern: Voraussichtlich eineinhalb Jahre - Mitte 2022.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Februar 2021 um 12:48 Uhr.