Ein Mann sprayt ein Graffiti an eine Wand in Mexiko-Stadt zur Erinnerung an die 2014 verschwundenen 43 Studenten | picture alliance/dpa

Mexikos verschwundene Studenten Sechs Jahre - und immer noch keine Erklärung

Stand: 30.03.2021 04:19 Uhr

Einige der Waffen, über deren Export nach Mexiko der BGH geurteilt hat, kamen 2014 bei der Polizei- und Militäraktion zum Einsatz, bei der 43 Studenten verschwanden. Die Angehörigen warten bis heute auf Antworten.

Von Elisabeth Weydt, NDR

Die Schule von Ayotzinapa gleicht der Gedenkstätte eines Massakers. Die Wände sind innen und außen voller Gemälde und Graffiti mit vorwurfsvoll blickenden Gesichtern. In der Kantine schauen sie beim Essen zu, am Sportstadion beim Rennen, an den Wohnblocks beim Rauchen. Überall die Zahl 43.

Elisabeth Weydt

Auf dem Basketballfeld sind 43 Stühle aufgestellt, auf jedem das Konterfei eines Vermissten. Cebolla war in der Nacht dabei, als die 43 verschwunden sind. Sechs weitere wurden getötet, einer liegt seitdem im Koma. Seinen richtigen Namen möchte Cebolla lieber nicht nennen.

Zwiebel, das ist sein Spitzname, weil er aus einer Gegend kommt, in der viele Zwiebeln angebaut werden. In der Nacht, die sie hier die "tragische Nacht" nennen, waren sie mit Reisebussen unterwegs. "Da waren Pickups von der Polizei, die haben direkt das Feuer auf uns eröffnet", erinnert er sich.

Seinen Kollegen Aldo hätten sie in den Kopf geschossen. "Wir sind losgerannt, haben uns auf den Boden geschmissen, sind herumgekrochen, haben irgendwo Schutz gesucht." Sein Leben sei an ihm vorbeigezogen. "Du erinnerst dich an deine Familie, an deine Geschwister. Das Wichtigste, was du machen wolltest mit deinem Leben. Deine Zukunft, deine Ziele. Was du dir vorgenommen hast."

Ein Wandgemälde mit der Zahl 43 | Elisabeth Weydt

Nicht nur in Ayotzinapa sind die Verschwundenen unvergessen, aber hier sind ihre Gesichter besonders gegenwärtig. Bild: Elisabeth Weydt

Die Erinnerung verliert nichts von ihrem Grauen

Diese Nacht ist mittlerweile mehr als sechs Jahre her. Aber wenn Cebolla davon erzählt, ist er wieder mittendrin. Nach Erkenntnissen der mexikanischen Ermittler schossen in dieser Nacht mindestens sieben Polizisten mit G36-Gewehren, die - so die Ermittlungen - aus Lieferungen des deutschen Waffenherstellers Heckler & Koch stammten und die keine Genehmigung für diese Region hatten, merkt das ECCHR in Berlin an. Die Organisation aus Menschenrechtsanwälten hatte versucht Angehörige der Opfer von Ayotzinapa in das deutsche Gerichtsverfahren mit einzubringen. Die deutschen Gerichte ließen das nicht zu.

Das müsse doch Konsequenzen haben, sagt Meliton Ortega bei einer Gedenkfeier für die Verschwundenen, für die "Desaparecidos". Er hat einen Neffen in dieser Nacht verloren, ist der Sprecher einer Elterninitiative, die sich für Aufklärung einsetzt. Bis heute ist ungeklärt, was genau in dieser Nacht passierte. Wer welche Befehle, warum gab. Was mit den 43 geschah. "Deutschland hat diese Waffen an Mexiko verkauft. Die Waffen, die in dem Angriff auf die Studenten benutzt wurden."

Sie seien sicherlich auch für andere Morde benutzt worden, sagt der Schreiner und Kleinbauer - gegen Führungsfiguren in den sozialen Bewegungen, gegen Menschenrechtsaktivisten. "Wir wollen, dass Deutschland uns hilft, die Leute zu bestrafen, die diese Waffen gegen die Bevölkerung einsetzen, gegen die Leute von Mexiko."

Die Reaktion der Bundesregierung

Das Auswärtige Amt sowie das Bundeswirtschaftsministerium, die für die Einschätzung und Genehmigung von Waffenexporten zuständig sind, verweisen auf Nachfrage von NDR Info darauf, dass inzwischen das Verfahren zur Kontrolle des Endverbleibs von in Drittstaaten ausgeführte Kleinwaffen grundlegend weiter entwickelt worden sei. Der deutsche Waffenhersteller Heckler & Koch wollte sich vor Urteilsverkündung nicht äußern.

Die Waffenlieferungen, um die es im BGH-Verfahren geht, begannen 2006. In dem Jahr startete der damalige Präsident Felipe Calderón einen rabiaten Krieg gegen die Drogenkartelle. Seitdem sind in dem Konflikt aus immer mehr Kartellen, Korruption und Staat rund 150.000 Menschen getötet worden. Aktuell gelten rund 60.000 als vermisst, als "Verschwundene".

Mehr Wut als Angst

Bei der Gedenkfeier für die Vermissten sitzt Ortega ganz vorne in der Kirche und nutzt später die Gelegenheit, mit ein paar Journalisten zu sprechen. Die Wut sei größer als die Angst, dass er irgendwann selbst zum Vermissten werde, sagt er. Da sorge er sich noch eher vor Covid-19.

Tatsächlich nimmt er seine Maske nur zum Essen und Trinken ab und für ein Foto. Es gebe noch so viel zu tun. Da müsse man auf sich aufpassen.

Ein Bischof hält eine Gedenkfeier in einer Kirche ab. | Elisabeth Weydt

Gedenken und weiter fragen: Ein Gottesdienst in Ayotzinapa ist den verschwundenen Studenten gewidmet. Bild: Elisabeth Weydt

Bürokratie statt Betreuung

Auch Hegel Ramírez hat einen Weg gefunden mit der Angst umzugehen: Die Kirche sei es nicht, sagt er, sondern die Familie, Freunde und die Natur. Seit 15 Jahren arbeitet er als Menschenrechtsanwalt zwischen Ayotzinapa und Acapulco. Seit einiger Zeit auch ehrenamtlich für die Organisation "Centro Minerva Bello", die die Gedenkfeier organisiert hat. "Die Behörden hier kümmern sich nicht um die Leuten, die jemanden verloren haben, die jemanden vermissen", sagt Hegel Ramírez. "Die Regierungen, die Verwaltungen, die Justiz - überall so viel Bürokratie!"

Hegel Ramírez | Elisabeth Weydt

Sie suchen weiter nach Antworten: Hegel Ramírez ... Bild: Elisabeth Weydt

Meliton Ortega | Elisabeth Weydt

... und Meliton Ortega. Bild: Elisabeth Weydt

Die Suche der Angehörigen laufe oft ins Leere, die Behörden hielten sie einfach nur beschäftigt. "Und manchmal machen die Leute Anzeigen bei der Polizei, dass jemand entführt wurde. Und dann war es genau diese Polizei, die den Menschen mitgenommen hat!"

Die Drogenkonsumentinnen und Waffenlieferanten aus dem Ausland sieht er höchstens in der zweiten Reihe der Verantwortung. Der mexikanische Staat sei einfach unglaublich korrupt. Ob man mit dem dann Geschäfte machen wolle, sei wiederum eine andere Frage.