Mexiko-Stadt: Eine Schülerin lernt vor dem Fernseher im Wohnzimmer | dpa

Bildung in Mexiko Abgehängt in Corona-Zeiten

Stand: 12.04.2021 11:14 Uhr

Seit einem Jahr sind in Mexiko die Schulen geschlossen. Viele Schülerinnen und Schüler sind seitdem faktisch vom Bildungssystem abgeschnitten. Das könnte die soziale Spaltung im Land weiter verstärken.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Es ist Mittagszeit. Omar macht es sich in der Hängematte gemütlich. Am Vormittag hat er seinem Vater dabei geholfen, Brennholz zu suchen, das er vor dem Haus sorgfältig aufgestapelt hat. Für die Schule hat er heute noch nichts gemacht. Von seinem Lehrer hat er Bücher bekommen, mit denen er eigenständig lernen soll. Er blättert im Geschichtsbuch.

Anne Demmer

"In diesem Kapitel geht es um die Unabhängigkeit von Mexiko", sagt Omar. "Das lernen wir gerade. Irgendwann in Kapitel 15 kommt dann die mexikanische Revolution dran."

Zum Lernen setzt sich der 14-Jährige an einen kleinen Schreibtisch in seinem Zimmer. Seit einem Jahr ist die Schule geschlossen. "Manchmal lerne ich, manchmal arbeite ich", so Omar. "Gerade habe ich zwei Tage lang Brennholz geschlagen, da habe ich nichts für die Schule gemacht. Mein Vater hilft mir dabei, zeigt mir wie man Holz hackt, und wie man Samen aussät. Ab Mai bereiten wir den Acker für den Maisanbau vor."

Schüler Omar | Anne Demmer / ARD

Omar in einer Hängematte in seinem Dorf: "Manchmal lerne ich, manchmal arbeite ich", sagt der 14-Jährige. Bild: Anne Demmer / ARD

Kein Strom, kein Internet

Omars Lehrer lebt in Oaxaca-Stadt, etwa drei Autostunden von seinem Dorf entfernt. San Isidro Aloapam befindet sich in den Bergen, im Norden des Bundesstaates Oaxaca. Die Anfahrt über die kurvige Schotterpiste ist mühsam. Der Lehrer kommt nur einmal im Monat vorbei, sammelt die Übungen ein, die Omar in der Zwischenzeit gemacht hat. Ansonsten gibt es zwischen dem Lehrer und den Schülern keinen Kontakt; der Empfang in dem Dorf ist schlecht.

Online-Unterricht kommt deswegen nicht in Frage. Kinder wie Omar sollen deshalb über das Fernsehen und das Radio unterrichtet werden, so die Idee der mexikanischen Regierung. Doch auch diese Möglichkeit fällt für viele flach. Die Realität in den ländlichen Regionen sei nicht berücksichtigt worden, kritisiert die Lehrerin Berenice Benitez Félix. "Die Familien haben teilweise noch nicht einmal Strom. Und wenn es keinen Strom gibt, dann gibt es auch kein Fernsehen", so die Pädagogin. 

Wegweiser San Isidro | Anne Demmer / ARD

Das Bergdorf San Isidro Aloapam im Norden des Bundesstaates Oaxaca: kaum Netz, schlechter Empfang. Die Fahrt in die Stadt dauert drei Stunden. Bild: Anne Demmer / ARD

"Das hat die Regierung bei ihrer Analyse und den Maßnahmen, die sie ergriffen hat, nicht berücksichtigt. Angesichts dieser Tatsache mussten wir Lehrer uns selbst organisieren", sagt Berenice Benitez Félix.

Mangelnde Unterstützung der Eltern

Wie der Unterricht am Ende gestaltet wird, hängt gerade in Pandemie-Zeiten vom Engagement der Lehrer selbst ab. Berenice Benitez Félix unterrichtet 24 Schüler in einem Ort in der Nähe von Oaxaca-Stadt. "Es gibt natürlich Familien mit Internetzugang", sagt Benitez Félix. "Aber man kann ja schließlich nicht nur diejenigen bedienen, die Zugang zum Internet haben. Wir müssen auch an die anderen Kinder denken, die diese Möglichkeit eben nicht haben."

44 Prozent der Haushalte in Mexiko haben keinen Internetanschluss, 56 Prozent müssen ohne Computer auskommen. Lediglich zu der Hälfte ihrer Schüler kann die Lehrerin online Kontakt aufnehmen. Ihnen schickt sie die Aufgaben über WhatsApp. Alle anderen bekommen Kopien, die sie einmal in der Woche persönlich verteilt. Für die Kosten muss die Lehrerin selbst aufkommen.

Ein großes Problem: Die Kinder erhielten nicht ausreichend Unterstützung von ihren Eltern. Zum Teil weil sie selbst höchstens die Grundschule abgeschlossen haben, wegen der Arbeit viel weg oder aber auf der Suche danach sind. Denn bedingt durch die Corona-Krise haben viele ihre Arbeit verloren, so die Lehrerin.

Lehrerin Berenice am Schreibtisch | Anne Demmer / ARD

Berenice Benitez Félix in ihrem Büro: Die Hälfte ihrer Schülerinnen und Schüler hat keinen Internetanschluss. Die Aufgaben verteilt die Lehrerin einmal pro Woche - und auf eigene Kosten. Bild: Anne Demmer / ARD

UNICEF dringt auf schnelle Öffnung

"Abgesehen davon, dass sie sich Sorgen darüber machen müssen wie es mit der Schulbildung ihrer Kinder weitergeht, sind sie vor allen Dingen besorgt, wie sie Essen auf den Tisch bringen können", so Benitez Félix. "Das heißt, diese Kinder sind auch emotional instabil, einige haben in der Pandemie Familienmitglieder verloren - die Oma, den Vater. Auch auf dieser Ebene müssen wir also für sie da sein. Und das ist natürlich sehr kompliziert, gerade auch weil wir Lehrer selbst Menschen verloren haben."

UNICEF drängt darauf, dass Mexiko die Schulen in den Regionen, wo die Infektionszahlen niedrig sind, schnellstmöglich wieder öffnet, um den Bildungsrückstand und damit die existierende Ungleichheit nicht noch zu vergrößern. In Omars Dorf gibt es bislang keinen einzigen Covid-Fall. Er vermisst den Schulalltag mit seinen Freunden. "Ich will endlich wieder zurück in die Schule", sagt er. "Aber der Virus bleibt, das macht mich am meisten wütend."

Restaurants, Shopping-Center sind in den meisten mexikanischen Städten wieder geöffnet. Doch wann Omar wieder in die Schule kann, bleibt ungewiss.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. April 2021 um 05:22 Uhr in der ARD Infonacht.