Eine Skizze zeigt Ghislaine Maxwell im Gerichtssaal. | REUTERS

Missbrauchsprozess Epstein-Vertraute Maxwell schuldig gesprochen

Stand: 30.12.2021 06:36 Uhr

Ghislaine Maxwell soll eine zentrale Rolle beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch den US-Multimillionär Jeffrey Epstein gespielt haben. Nun ist sie von einem US-Gericht schuldig gesprochen worden.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Als Richterin Alison Nathan das Urteil verkündet, gibt sich Ghislaine Maxwell betont ruhig. Offenbar anteilnahmslos schüttet sich die schwarz-gekleidete Frau Wasser in einen Becher, zieht ihre dunkle Covid-Maske runter und trinkt. Maxwell hatte während des Prozesses auf eine eigene Aussage verzichtet. Ihre Anwältin Bobby Sternheim ist die einzige, die sich umringt von Reportern vor dem Gerichtsgebäude äußert: "Wir glauben fest an Ghislaines Unschuld. Das Urteil enttäuscht uns."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Fünf volle Beratungstage hat die Jury gebraucht, um Maxwell in fast allen Punkten für schuldig zu befinden. Darunter der schwerwiegendste Vorwurf: "Menschenhandel mit Minderjährigen zu Missbrauchszwecken". Allein das könnte der 60 Jahre alten ehemaligen Jetsetterin bis zu 40 Jahre Haft einbringen.

Lebenslange Haftstrafe möglich

Zusammen mit den anderen Punkten droht der Tochter des britischen Medienmoguls Robert Maxwell, dass sie den Rest ihres Lebens hinter Gittern bleibt. Staatsanwalt Damian Williams verbarg seine Freude nicht: "Der Weg zur Gerechtigkeit war viel zu lang - aber heute wurde ihr Genüge getan."

In dem Prozess wurde Maxwell vorgeworfen, dass sie als Zuarbeiterin von Sexualstraftäter Jeffrey Epstein eine zentrale Rolle bei seinen Verbrechen gespielt hat. Sie soll ihm geholfen haben, einen Ring zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen aufzubauen.

Anklägerin Alison Moe hatte in ihrem Schlussplädoyer erklärt, Maxwell sei eine gefährliche und raffinierte Sexualstraftäterin. Sie habe es ihrem Freund, dem Multimillionär Epstein, überhaupt erst möglich gemacht, dass er die Jugendlichen über Jahre sexuell ausbeuten konnte. Maxwell habe sie für ihn rekrutiert und den jungen Mädchen "tiefen und dauerhaften Schaden" zugefügt.

Verteidigung sieht Maxwell als Sündenbock

Die Verteidigung setzte hingegen darauf: Maxwell werde zum Sündenbock für Epstein, der nach seinem mutmaßlichen Suizid in seiner Gefängniszelle im August 2019 nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann. Maxwells Anwältin Sternheim will das nicht auf ihrer Klientin sitzen lassen: "Wir arbeiten bereits an der Berufung und wir sind zuversichtlich, dass sie rehabilitiert wird." Zu den mutmaßlichen Beweisen im Prozess gehörten Bankunterlagen. Danach hatte Epstein Maxwell über 30 Millionen Dollar überwiesen.

Der Prozess erregt in den USA auch soviel Aufmerksamkeit, weil Epstein mit vielen einflussreichen Politikern und Promis befreundet war: Piloten sagten aus, dass etwa der britische Prinz Andrew oder die früheren US-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump mit den Privatjets des Multimillionärs geflogen seien. Fotos zeigen sie zusammen auf Partys.

Staatsanwalt lobt Mut der Zeuginnen

Auch vier der betroffenen Frauen haben als Zeuginnen ausgesagt. Staatsanwalt Williams dankte ihnen: "Ich möchte den Mut der Mädchen - jetzt erwachsenen Frauen - loben, die aus dem Schatten in den Gerichtssaal traten." Ihr Mut und ihre Bereitschaft, ihrer Täterin gegenüberzustehen, habe das Urteil in diesem Fall erst ermöglicht.

Nicht ausgesagt in diesem Prozess hatte ein weiteres mutmaßliches Opfer. Virginia Giuffre hat den britischen Prinzen Andrew vor einem New Yorker Zivilgericht des mehrfachen Missbrauchs bezichtigt - unter Vermittlung von Epstein und Maxwell. Der Royal bestreitet das. Auf Twitter erklärte Giuffre: "Meine Seele hat sich über Jahre nach Gerechtigkeit gesehnt und heute hat die Jury sie mir gegeben."

Der Jury ist das einmütige Urteil offenbar nicht leicht gefallen. Es dauerte länger, als es viele erwartet hatten. Auch für Maxwell, die mehrfach versucht hatte, gegen Kaution aus der Untersuchungshaft zu kommen. Ohne ein Wort verließ sie den Gerichtssaal mit ihren Anwälten. Und warf noch einen raschen Blick auf ihre Geschwister, die den Prozess in der ersten Reihe verfolgt hatten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2021 um 09:00 Uhr.