Ein Feuerwehrauto fährt durch den zerstörten Ort Lytton in Kanada | AP

Lytton nach dem Brand "Der Klimawandel kommt zu jedem"

Stand: 13.07.2021 10:09 Uhr

Erst kam die extreme Hitze, dann das Feuer: Innerhalb einer Stunde machte es den kanadischen Ort Lytton dem Erdboden gleich. Nun sind die Bewohner erstmals zurückgekehrt. Zugleich droht die nächste Hitzewelle.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Wie eine Geisterbahn rollt der Reisebus durch die verkohlten Überreste von dem, was einmal Lytton war. Zum ersten Mal sehen die geflüchteten Bewohner, was das Feuer von ihrem Zuhause übrig ließ. Gordon Murray war dabei: "Es war nicht möglich, das alles aufzunehmen. Die Leute filmten. Sie weinten. Sie stießen Schock-Geräusche aus. Eine Symphonie des Verlusts."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Ein Waldbrand hatte den kleinen Ort erfasst und in weniger als einer Stunde dem Erdboden gleichgemacht. Nur noch ein paar Reste und ein Regenbogen-Zebrastreifen erinnert an das Leben, das hier vor einigen Tagen noch war. 300 Bewohner flüchteten - zwei von ihnen schafften es nicht mehr. 

Diese Woche soll es wieder heißer werden

Lyttons Schicksal droht einigen Orten zwischen den Hügeln im Nordwesten Kanadas. An 300 Stellen wüten die Feuer in den Wäldern der Provinz British Columbia.

Der ganze Hang sei weg, sagt fassungslos einer der Feuerwehrmänner nahe dem Ort Ashcroft. Rund um die Uhr sind sie im Einsatz. Unterstützt von der kanadischen Armee. Die Soldaten sind da, falls wieder ein Ort evakuiert werden muss. Davor fürchtet sie sich, sagt Krista Gebhard dem Fernsehsender CBC: "Ich habe Angst und bin so dankbar für die Menschen, die da reingehen, während wir alle flüchten."

Verkehrsminister Omar Alghabra warnt: "Nach ein paar entspannteren Tagen wird es diese Woche wieder heißer." Die Regierung hat bereits Notfallmaßnahmen ergriffen. Züge dürfen bei Temperaturen über 30 Grad waldreiche Routen nicht mehr befahren. Ihre unkontrollierten Funken könnten weitere Feuer auslösen. 

Schalentiere im Meer "verkocht"

Doch auch am Meer spüren die Kanadier die Folgen, sagt Austernfischer Joe Tarnauski. "Sie sind alle verkocht: Austern, Muscheln - alles. Alle tot. Sie mochten die Hitze nicht." Millionen von Schalentieren seien wegen der Hitze verendet, sagen Marine-Experten. Es könnten noch mehr werden.

Denn die nächste Hitzewelle bahnt sich an. Die Menschen in British Columbia seien vorbereitet, sagt Gordon Murray aus Lytton, dem Ort, den es nicht mehr gibt: "Wir sind an der Speerspitze des Klimawandels. Aber es kommt zu jedem. Wir sind die Kanarienvögel im Kohleschacht. Wir waren vorbereitet. Aber die Gesellschaft ist es nicht."

Politiker und Klimaexperten haben bereits gewarnt: Das wird einer der heißesten Sommer der Geschichte in Kanada. Und es wird voraussichtlich nicht der letzte sein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Juli 2021 um 08:45 Uhr.