Kuba, Havanna: Die Polizei verhaftet einen regierungskritischen Demonstranten während einer Demonstration in Havanna. | dpa

Nach den Protesten in Kuba "Seit 72 Stunden nichts von ihm gehört"

Stand: 16.07.2021 09:07 Uhr

Nach den Protesten gegen soziale Missstände ist die Lage in Kuba unübersichtlich. Die Regierung ging teils gewaltsam gegen Demonstranten vor. Tausende Menschen sollen verhaftet worden sein, Hunderte gelten als vermisst.

Von Anne Demmer,  ARD-Studio Mexiko

Seit Sonntag wird José Bolaños vermisst. Er hatte am Nachmittag das Haus verlassen, um sich den Demonstranten anzuschließen. "Wir wissen nichts von ihm", berichtet seine Cousine Laura Vargas. "Seit 72 Stunden haben wir nichts von ihm gehört." Sie habe die Polizei kontaktiert, aber die sagten, dass niemand mit dem Namen José Bolaños verhaftet und auch nicht in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei.

Anne Demmer

Seit José Bolaños an diesem Tag das Haus verließ, hat ihn niemand mehr gesehen: seine Familie nicht, sein 10-jähriger Sohn nicht - auch seine Freunde haben kein Lebenszeichen bekommen.

Er habe sich sonst nie an solchen Aktionen beteiligt, erzählt seine Cousine weiter. Die Leute, mit denen er zusammen protestiert habe, hätten einfach nur gegen die sozialen Missstände demonstriert. "Ich glaube nicht, dass diese Leute aus einer politischen Motivation heraus auf die Straße gegangen sind. Es sind ganz klar soziale Proteste gewesen." Es fehle an Medikamenten, an Essen. Es mangele an allem, und dessen seien sich alle Kubaner bewusst.

Tausende wurden bisher verhaftet

Laut unabhängigen Journalisten sind seit den Demonstrationen Tausende Menschen verhaftet worden. Das Online-Portal "14ymedio" spricht von 5000 Verhaftungen, darunter sollen 120 Aktivisten und Journalisten sein. Das kubanische Innenministerium gibt keine Zahlen dazu heraus.

Die unabhängige Journalistin Cynthia de la Cantera Toranzo dokumentiert zusammen mit weiteren Aktivisten das Verschwinden und Verhaftungen, die von Familienangehörigen und Freunden gemeldet werden. Sie gehört zu der Gruppe Desaparaecidos#SOSCuba. Täglich wird eine aktualisierte Liste mit den Namen veröffentlicht.

Für die Liste hätten sie bestimmte Regeln aufgestellt. Um einen Fall aufzunehmen, müsste es mindestens drei Kontakte geben, die diese Person vermissen, berichtet Cynthia. "Mittlerweile sind es mehr als 200 Fälle, das ist natürlich sehr aufwändig, aber wir müssen sehr gründlich sein, damit wir die Liste nicht in Misskredit bringen." Das sei ihnen wichtig.

"Das sind doch Kriminelle"

Zuerst waren es vor allem namhafte kubanische Künstler und Journalisten, die in den sozialen Medien als vermisst gemeldet wurden. Das habe viele Menschen ermutigt, sich bei den Aktivisten zu melden, erzählt Cynthia weiter. Auch José Bolaños ist auf der Liste. Er ist der 124. Fall, den Cynthia de la Cantera aufgenommen hat. Sie kommen kaum noch nach. Das Projekt basiert auf freiwilligem Engagement, das nicht alle gut heißen.

Die pensionierte Mathematik-Lehrerin Caridad Rodríguez ärgert sich über die Demonstranten und die Unruhen auf der Straße. Sie selbst lebt in einem ärmeren Stadtteil von Havanna.

"Das sind doch Kriminelle, es fehlt ihnen an Respekt. Sowas macht niemand, der Werte hat. Sie haben nur eines im Kopf, sie wollen zerstören", beklagt die Lehrerin. Die Zerstörung führe zu nichts, sie schaffe nur Spaltung. Und das obwohl sie hier freie Bildung hätten, das Land habe so viele Opfer gebracht.

Präsident räumte Unzulänglichkeiten ein

Der kubanische Präsident Miguel Díaz Canel hatte am Sonntag angesichts der Demonstrationen alle Revolutionäre aufgerufen, sich den Demonstranten entgegenzustellen. Auf Bildern waren teils Anhänger zu sehen, die sich mit Knüppeln bewaffnet hatten. Auf Videos, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden, sah man junge Demonstranten, die Steine warfen. Fahrzeuge der Sicherheitskräfte wurden umgestürzt. Polizisten in Zivil und schwer bewaffnete Sicherheitskräfte gingen immer wieder gewaltsam gegen die Protestierenden vor.

Drei Tage nach dem Auftakt der Proteste räumte der kubanische Präsident erstmals eigene Unzulänglichkeiten ein, die zu den Demonstrationen geführt haben könnten, wie er sagt. Die Regierung müsse eine kritische Analyse der Probleme vornehmen, um zu handeln und zu verhindern, dass sie sich wiederholen. Währenddessen hat die Familie nach wie vor keine Nachricht von José Bolaños. Auch seine Cousine Laura Vega macht sich große Sorgen.

Die Angst sei groß und die Ungewissheit, wann sie von ihm hören werden. Es sei schon eine Person für tot erklärt worden und sie wüssten nicht, was mit all den Verschwundenen passiert ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Juli 2021 um 23:35 Uhr.