Eine Frau steht vor einem Wahlplakat in Kolumbien | AFP

Stichwahl um Präsidentenamt Richtungsentscheidung in Kolumbien

Stand: 19.06.2022 03:22 Uhr

Mit Gustavo Petro könnte in Kolumbien erstmals ein linker Politiker Präsident werden. Sein Konkurrent ist der politische Quereinsteiger Hernández: ein Multimillionär ohne aussagekräftiges Wahlprogramm, aber mit blumigen Versprechen.

Die Richtungswahl spaltet die kolumbianische Wählerschaft genau in der Mitte: Unentschieden oder nur einen Prozentpunkt auseinander - so sehen jüngste Umfragen die Chancen der beiden Kandidaten für die Stichwahl.

Mit Gustavo Petro hat erstmals ein linker Ex-Guerillakämpfer Chancen auf das höchste Staatsamt - er ist zugleich Volkswirt. Sein Konkurrent ist der ideologisch kaum einzuordnende Populist, Multimillionär und selbsternannte Anti-Korruptionskämpfer Rodolfo Hernández. 

Die Herausforderungen für den künftigen Staatschef sind groß: Das zweitbevölkerungsreichste Land Südamerikas mit rund 50 Millionen Einwohnern leidet unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, großer sozialer Ungerechtigkeit und Gewalt. Von der amtierenden konservativen Regierung wurde der Friedensvertrag mit den Farc-Rebellen nur halbherzig umgesetzt.

Hernández' Pläne bleiben vage

Petro will das Land befrieden, die Ausbeutung von Rohstoffen bremsen, den Tourismus fördern und Unternehmen stärker besteuern. Über die Pläne des 77-jährigen Hernández ist nur wenig bekannt. Er will gegen die Korruption vorgehen - obwohl gegen ihn selbst wegen Korruption ermittelt wird. Zudem schlug er vor, kostenlos Drogen an Abhängige zu verteilen.

Im ersten Wahlgang kam Hernández ohne Unterstützung einer etablierten Partei überraschend auf 28 Prozent der Stimmen. Er sei fast ohnmächtig geworden, als er das Ergebnis erfuhr, räumte er in einem seiner seltenen Fernsehinterviews ein: "Denn das war bisher nicht möglich, dass jemand wie ich - ohne jegliches politisches Netzwerk, ohne dass ich Stimmen gekauft hätte, ohne zu Lügen bei einer Volksabstimmung - so gut abschneidet." In wenigen Sätzen schafft es Hernández, sich vom Establishment abzugrenzen und als Kandidat der Herzen zu inszenieren. Berufspolitikern und dem Staat traut er nicht.

Petro kämpft für Sozialreformen und Umweltschutz

Der 62-jährige Volkswirt Gustavo Petro hatte die erste Wahlrunde vor drei Wochen mit rund 40 Prozent der Stimmen mit Abstand gewonnen. Petro kämpft zum dritten Mal um die Präsidentschaft. In verschiedenen politischen Ämtern ist er seit 30 Jahren in der kolumbianischen Politik etabliert. Seine Schwerpunkte liegen auf Sozialreformen, Armutsbekämpfung und Umweltschutz.

Sein Wahlprogramm wendet sich gegen die traditionelle Elite des Landes. Seine Gegner werfen ihm vor, Kolumbien in eine "sozialistische Diktatur wie Venezuela" verwandeln zu wollen. Petro war in den 1970er-Jahren in der Guerilla M-19 aktiv und eineinhalb Jahre in Haft. Petro sagt, dass es nie einen Prozess gegen ihn gegeben habe.

Zwar brachten Petros umfangreichen Reformvorschläge ihm in der ersten Wahlrunde rund zwölf Prozentpunkte mehr ein, als auf Hernández entfielen. Allerdings halten viele Beobachter Petros Wählerpotenzial für ausgeschöpft - Hernández dagegen kann in der Stichwahl auf die Unterstützung der ausgeschiedenen Kandidaten zählen.

Mit Informationen von Kai Laufen, ARD-Studio Rio de Janeiro

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Juni 2022 um 08:08 Uhr.