Zwei Frauen berichten voller Trauer von ihren getöteten Verwandten. | AP

Kolumbien und Venezuela Apures Dschungel - plötzlich Kriegsgebiet

Stand: 09.04.2021 03:28 Uhr

Am Rio Arauca toben Kämpfe, Menschen sterben und fliehen. Es geht um Drogenschmuggel im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien. Die Präsidenten beider Staaten machen daraus einen Systemstreit.

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko

Die Mutter weint bitterlich. "Ich will zu meinem Sohn", schreit sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Kurz darauf wird der Sarg an ihr vorbeigetragen. Drei weitere folgen. Die Familien versammeln sich um sie herum und halten sich aneinander fest. Wieder vier Opfer mehr des neuen, gewalttätigen Konfliktes an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela.

Xenia Böttcher ARD-Studio Mexiko City

Am 21. März, so berichten es die Anwohner von La Victoria in Venezuela, wurde der 10.000-Seelen-Ort an der Grenze zu Kolumbien plötzlich ein Kriegsgebiet. Die Häuserwände bebten von den schweren Militärfahrzeugen, es folgten Schüsse, irgendwann auch Luftbombardements, berichten sie in Interviews.

Es ist der Anfang eines bewaffneten Konfliktes, der eine neue Fluchtbewegung auslöst und den Konflikt zwischen dem rechtskonservativen Kolumbien und dem sozialistischen Venezuela anheizt.

Aus dem Bundesstaat Apure geflüchtete Venezolaner im kolumbianischen Arauca. | AFP

Ein paar Rucksäcke und das eigene Leben - mehr ist den aus dem Bundesstaat Apure geflüchteten Venezolanern nicht geblieben. Bild: AFP

Schmuggel im Dschungel von Apure

Fest steht: Die venezolanische Armee ist auf venezolanischen Boden in einem bewaffneten Kampf gegen kriminelle Gruppen eingetreten. Doch wen sie genau und warum bekämpft, darüber könnten die Narrative nicht weiter auseinandergehen.

Apure ist ein armer Bundesstaat im Westen Venezuelas, er grenzt direkt an Kolumbien und gilt als Ort, an dem sich die meisten nicht an Gesetze gebunden fühlen. Auf beiden Seiten des braunen Grenzflusses findet sich ein üppiger Dschungel - es ist kein Geheimnis, dass hier wie dort kriminelle Gruppen operieren, die Drogen schmuggeln. 

Meist stammen diese Banden aus Kolumbien, nicht selten sind es ehemalige FARC-Kämpfer, linke Guerillas, die nach dem historischen Friedensvertrag von 2016 ihre Waffen nicht niederlegen wollten. Seit Jahren wirft die kolumbianische Regierung Venezuelas Regierung vor, sie beherberge die Guerillagruppen aus ideologischer Verbundenheit. Die Schmuggelarbeit an der Grenze jedenfalls lief ungestört von Konflikten mit der sozialistischen Regierung.

Tausende Venezolaner nach Kolumbien geflohen

Nun aber erfolgte ein massiver Militäreinsatz, der erste seit Jahrzehnten: Eine einzelne der vielen Guerilla-Gruppen wird zum Ziel der venezolanischen Militärs. Die Guerilla schlägt zurück und die Kämpfe eskalieren.

Die Bomben kommen näher an die Wohnzimmer, die Venezolaner beginnen, über den Grenzfluss nach Kolumbien zu fliehen. 5000 Menschen sollen in nur zwei Wochen gekommen sein. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat Zelte, Matratzen und Hygienemittel bereitgestellt. Bilder aus den Lagern zeigen einen Anblick, an den sich viele Teile der Welt vielleicht schon gewöhnt haben: von Familien, die sich in Zeltstädten drängen, die um Essen anstehen, Toilettenpapier organisieren und die internationale Gemeinschaft um Hilfe anflehen - alles unter Pandemiebedingungen.

"Das Schlimmste ist, mitanzusehen, dass alle nach Hause zurückwollen", sagt Julieth Romero vom kolumbianischen Roten Kreuz. "Sie wollen nach Hause, aber sie können nicht, wegen all der Gewalt. Wir versuchen sie zu unterstützen, wo wir können, aber sie können noch nicht nach Hause."

Zivilisten fühlen sich von eigener Armee bedroht

Viele der Geflüchteten fühlen sich von ihrem eigenen Militär terrorisiert. Die seien von Tür zu Tür gegangen, um angeblich Guerillas zu finden, aber vielmehr, um zu plündern, berichtet Jose Castillo, der in La Victoria wohnte: "Sie sind in unser kleines Haus gestürmt und haben uns alles genommen. Sie kamen, haben die Tür zerbrochen, sie haben alles mitgenommen, was ich hatte."

Human Rights Watch spricht von glaubwürdigen Hinweisen, dass es sogar zur Hinrichtung von Zivilisten gekommen sei, die fälschlicherweise als Guerilla ins Visier genommen wurden. Die venezolanische Regierung weist das zurück.

Man wolle die Kriminellen aus Venezuela vertreiben, so sagt es der autoritär regierende venezolanische Präsident Nicolás Maduro, der kolumbianische Eliten und die USA hinter dem Konflikt sieht: "Die illegalen, bewaffneten Gruppen werden von Kolumbiens Präsident Duqué orchestriert“, sagte er und fügte hinzu: Duqués Ziel sei es, einen militärischen Konflikt zwischen den Ländern herbeizuführen. "Blutrünstige Kriminelle, Drogenhändler, Mörder" seien es, denen Venezuela auf eigenem Boden entgegenstehe.

Caracas und Bogotá werfen einander Beteiligung vor

Kolumbien ist historisch gesehen ein Bruderstaat von Venezuela, beide eint die Geschichte des Freiheitskämpfers Simon Bolivar, der die Spanier vertrieb. In den 1980er-Jahren flohen fünf Millionen Kolumbianer in das damals reiche Venezuela vor all der Gewalt der Guerillas, Drogenkartelle und Paramilitärs.

Heute kommen Flüchtlinge aus Venezuela nach Kolumbien: Zwei Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren vor der wirtschaftlichen Misere und dem autoritären sozialistischen Regime geflohen. Die Regierungen in Caracas und Bogotá haben aber jegliche diplomatische Beziehung seit 2019 eingestellt.

Für die rechtskonservative kolumbianische Regierung ist klar: Der Grund für die Gewalt sei in den finanziellen Interessen der Maduro-Regierung und ihrer Militärs zu finden, die mit den kriminellen Drogenbanden zusammenarbeiteten. "Der venezolanischen Regierung scheint es nicht um die Verteidigung ihrer Souveränität zu gehen, sondern um die Verteidigung ihrer Interessen im Drogenhandel", sagte der kolumbianische Verteidigungsminister Diego Molano der Presse. "In Venezuela ist es so, dass die Drogenkartelle allmählich das Land übernehmen, in Zusammenarbeit mit dem venezolanischen Militär und Präsident Maduro." Ungewöhnlich sei es allemal, dass Venezuelas Militär und Regierung so plötzlich so heftig gegen eine einzelne kriminelle Gruppe vorgehe.

Bandenkrieg zulasten der Bevölkerung

Alles in Apure dreht sich um die Kontrolle der Drogenrouten. Politische Analysten gehen davon aus, dass diese Gruppe vermutlich ungeschriebene Gesetze unter Kriminellen gebrochen hat und sich Venezuelas Militär und Regierung einschalten musste, um ihre eigenen Interessen oder die eines unbekannten Anderen zu schützen.

Auf der Strecke bleiben, wie so oft, die Bürger Venezuelas, weil sie geliebte Menschen verlieren - und ihnen nichts bleibt als ein Plastikzelt. "Wir wollen nach Hause und dass alles einfach wieder gut ist. Wir hoffen, unser Zuhause ist in Ordnung", sagt die geflüchtete Damira Mafililito. "Ich danke Gott, dass ich noch am Leben bin."