Eine vermummte Person mit einem Blechschild in Kolumbien. | AFP

Proteste in Kolumbien "Wir sind keine Kriminellen"

Stand: 20.05.2021 03:29 Uhr

Fast täglich gibt es in Kolumbien Demonstrationen, Straßensperren und brutale Polizeieinsätze. Junge Menschen frustriert die Arbeitslosigkeit, Ungleichheit - und die allgegenwärtige Gewalt.

Von Marie-Kristin Boese, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Seine Einsätze bereitet Julian Espitia sorgfältig vor. Er mischt Backpulver mit Wasser: "Das hilft gegen das Tränengas." Er steckt eine Skibrille ein, für bessere Sicht. Auch der Fahrradhelm landet im Rucksack - er soll gegen Querschläger helfen.

Marie-Kristin Boese ARD-Hauptstadtstudio

Der 21-jährige Kolumbianer ist Student und nun auch Menschenrechtler. Er ist Mitglied eines Netzwerks von Freiwilligen, der REDCAA, in dem sich Anwälte, Psychologen und andere Freiwillige zusammengeschlossen haben. Sie beobachten Demonstrationen und dokumentieren Übergriffe der Polizei auf Protestierende.

Oft bleibt die Gewalt ungestraft. Vor allem die Polizei-Einheit ESMAD ist wegen ihrer Brutalität gefürchtet. Julian ist nervös vor dem Einsatz. Was ihn erwartet, weiß er noch nicht. "Die Polizei setzt ihre Waffen teils auch gegen die Zivilgesellschaft ein", sagt er. "Da ist immer die Sorge, ob man nach Hause kommt oder nicht."

Steuergesetz vom Tisch, der Frust bleibt

Kolumbien ist seit gut drei Wochen in Aufruhr. Fast täglich gibt es Demonstrationen und Straßensperren. Zuerst protestierten Tausende gegen eine Steuerreform, die vor allem mittlere und geringere Einkommen stark belastet hätte. Präsident Iván Duque Márquez wollte so die Schulden das Landes abbauen. Die Wirtschaft war vergangenes Jahr um mehr als sechs Prozent eingebrochen.

Nach dem Druck von der Straße ist das Projekt zwar vom Tisch, aber der Frust bleibt - vor allem bei jungen Menschen. Die Probleme sind vielfältig und strukturell. Es geht ihnen um die extremen Einkommensunterschiede im Land, um fehlende Berufsperspektiven und hohe Bildungskosten.

Die Pandemie und harte Lockdowns haben die Not zudem verschärft: Inzwischen sind 42 Prozent der Bevölkerung Kolumbiens arm. Doch statt mit Verständnis reagierte der konservative Präsident mit Härte - und schickte Polizei und Militär auf die Straße. Er warf den Demonstranten vor, von Kriminellen unterwandert zu sein und kündigte zuletzt an, Straßenblockaden durch die Armee räumen zu lassen.

Wut über Verletzte und Vergewaltigungen

Seit Tagen kursieren nun Videos in sozialen Netzwerken. Sie zeigen verletzte Menschen und Tränengas-Schwaden in Wohnvierteln. Viele Aufnahmen sollen aus der Region rund um die Millionenstadt Cali stammen - doch überprüfbar sind die Videos kaum. Sie werden hundertfach geteilt, in den Netzwerken gelöscht und neu hochgeladen.

Auch Menschenrechtler Julian Espitia hat in Bogota schon unverhältnismäßige Gewalt der Polizei beobachtet. NGO berichten von mehr als 40 Getöteten, nach ihren Angaben mutmaßlich durch Polizeigewalt.

Auf der Demonstration, zu der er sich aufgemacht hat, protestieren an diesem Nachmittag zuerst Frauen gegen sexuelle Übergriffe von Sicherheitskräften. Im Südwesten, in der Stadt Popayan, sollen vergangene Woche Polizisten eine junge Frau schwer misshandelt und vergewaltigt haben. Sie nahm sich später das Leben.

Müde von der allgegenwärtigen Gewalt

"Wir sind keine Kriminellen, sondern Studenten, die die Nase voll haben", ruft ein junger Mann. Bisher nahmen zwar Finanzminister Alberto Carrasquilla und Außenministerin Claudia Blum ihren Hut, doch das reicht den Demonstranten nicht. Viele sind müde von der allgegenwärtigen Gewalt.

Der Friedensprozess mit der ehemaligen FARC-Guerilla stockt, weil die Regierung die Umsetzung verschleppt. Immer wieder töten kriminelle Banden und Kartelle Umweltschützer und Menschenrechtler. Dazu kommen der Machtmissbrauch und die Gewaltexzesse von Polizei und Sicherheitskräften.

Ein verletzter junger Mann zeigt das große Pflaster an seinem Oberkörper. | AFP

Ein junger Mann hat sich bei einem Protest in Yumbo Verletzungen durch einen Polizeieinsatz zugezogen. Bild: AFP

Konfrontation in der Dämmerung

Als es dämmert, beginnt Julian seine Aufnahmen mit dem Handy. Die Stimmung ist angespannt, und wenn sich die ESMAD unbeobachtet fühle, könne die Situation schnell kippen, sagt er. Tatsächlich wird es bald gefährlich. Ein Grüppchen vermummter Demonstranten provoziert die Konfrontation mit der Polizei. Doch es ist ein ungleiches Kräftemessen: Während die Demonstranten große Wellblechplatten als Schutzschilder vor sich herschieben und Steine werfen, schießt die ESMAD von Motorrädern mit Tränengas.

Ein unbeteiligter Mann wird von Polizei umringt und eingeschüchtert. Julian schafft es, die Situation zu filmen. "Die Esmad unterstellte ihm, ein Randalierer zu sein, um ihn festzuhalten", sagt er. Tatsächlich sei der Mann von der Arbeit gekommen und habe in seinem Rucksack nichts Verdächtiges. Kleine Grüppchen von Demonstranten werden nun von der Polizei durch die Straßen gejagt.

Auch Julian bekommt Tränengas ab. Am Ende des Abends hat er sieben kritische Situationen gefilmt. Die Aufnahmen leitet er an Kolumbiens Ombudsmann für Menschenrechte, Carlos Alfonso Negret Mosquera, weiter. Julian hofft, dass es Ermittlungen gegen die Sicherheitskräfte gibt - er selbst kommt an diesem Tag wohlbehalten nach Hause.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 im "Echo des Tages" am 19. Mai 2021 um 18:50 Uhr.