Gustavo Petro | EPA
Porträt

Wahl in Kolumbien Vom Leben im Untergrund in den Staatspalast

Stand: 20.06.2022 09:28 Uhr

Erst Gefängnis, dann Untergrund - jetzt wird Ex-Guerillero Petro kolumbianischer Staatspräsident. Der linke Volkswirt gilt als kompromisslos und dickköpfig - dennoch hoffen viele auf eine nationale Versöhnung.

Von Kai Laufen, ARD-Studio Rio de Janeiro

Gustavo Petro ist 62 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern. Seine Eltern waren Bauern, aufgewachsen ist er im Andenhochland nördlich der Landeshauptstadt Bogotá. Petros Gegner lassen kaum eine Gelegenheit aus, ihn als Ex-Guerillero zu titulieren. Tatsache ist, dass Petro sich mit 17 Jahren der M-19 anschloss. Allerdings wurde er recht bald festgenommen und saß nach eigenen Angaben wegen unerlaubten Waffenbesitzes zwei Jahre ohne Anklage im Gefängnis. Danach ging er in den Untergrund.

Kai Laufen

1990 löste sich die M19 auf und wurde eine legale politische Partei. Petro fand offenbar seinen Weg zu einem bürgerlicheren Leben: Er studierte Volkswirtschaft und Verwaltungswissenschaften und ging in die Politik.

Hartnäckige Aufklärungsarbeit

Als Abgeordneter machte er als harter Aufklärer von sich reden und half, die Verbrechen der Paramilitärs an der einfachen Landbevölkerung aufzudecken. Diese waren von einem späteren Staatspräsidenten mitgegründet worden und sollten eine Gegenwehr zu den verschiedenen linken Guerillagruppen im Land bilden.

Allerdings verstrickten sich in dem schmutzigen Bürgerkrieg letztlich beide Seiten in schwere Menschenrechtsverbrechen und in den internationalen Kokainhandel. Aber der Imageverlust blieb lange Zeit vor allem eine Last der Guerilla.

Nicht zuletzt wegen seiner hartnäckigen Aufklärungsarbeit gilt Petro bei seinen Kritikern als kompromisslos und dickköpfig. Aber bei den Opfern der rechtsgerichteten Paras stieg sein Ansehen. Im Wahlkampf unterstützten ihn sogar etliche Militärs offen - seine Kandidatur sehen viele auch als Möglichkeit einer nationalen Versöhnung.

Petro hat große Pläne

Sein bisher wichtigstes politisches Amt bekleidete Petro 2012 bis 2015 als Oberbürgermeister von Bogotá. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 kam er in die Stichwahl, unterlag aber dem aktuellen Präsidenten Iván Duque.

Die politischen Ziele, die Petro jetzt in den vier Jahren seiner Amtszeit anpacken will, sind ehrgeizig und reichen von einem Recht auf staatliche Beschäftigung bei Mindestlohn für alle Arbeitslosen über eine Bodenreform bei der vor allem Frauen Land erhalten sollen bis hin zur Schaffung eines einheitlichen und kostenfreien staatlichen Gesundheitswesen.

Zudem will er die Wehrpflicht abschaffen und die Polizei demilitarisieren. Große Pläne, für die er auch die Unterstützung der politischen Gegenseite brauchen wird. Deshalb rief er schon im Wahlkampf zu einer "política del amor" auf - einer Politik der Liebe und nicht der harten ideologischen Kämpfe.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Juni 2022 um 08:30 Uhr.