Eine Menschengruppe ist unterwegs zur "Darién Gap" in den Dschungel. | AP

Migration in Lateinamerika Mit Kanistern und Machete durch den Dschungel

Stand: 22.09.2021 19:48 Uhr

Eine der gefährlichsten Migrationsrouten in die USA verläuft durch den Darién-Dschungel: Wochenlang kämpfen sich die Menschen aus Haiti und Kuba durch den Wald - andere stranden schon vorher.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Das Hab und Gut auf den Rücken geschnallt oder in große Plastiksäcke gepackt, Kanister mit Trinkwasser in der Hand, Kinder auf dem Arm: Die Menschen, die in der Hafenstadt Necocli an Kolumbiens Karibikküste gestrandet sind, haben alle das gleiche Ziel: die USA. Doch vorerst sitzen sie hier fest.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Ich bin zuerst nach Chile gezogen, aber das ist ein rassistisches Land: Du steigst in einen Bus und sagst Hallo und niemand antwortet dir", sagt die Haitianerin Lenos Dorvilien. Mit der Pandemie sei es schlimmer geworden: "Nun gibt es auch keine Arbeit mehr für uns. Ich habe etwas Erspartes, damit möchte ich in die USA."

Proviant und eine Machete

Die Pandemie hat die Wirtschaft in Südamerikas Ländern hart getroffen. Nun, mit den Grenzöffnungen, treten Tausende den Weg zum vermeintlichen Glück in die USA an. Necocli ist dabei wie ein Nadelöhr. Von dort geht es mit der Fähre über den Golf von Uraba.

Dann beginnt der "Propf": So wird der "Darién Gap" genannt, eine dichte unwegsame Dschungelregion zwischen Kolumbien und Panama. Es ist die einzige Landverbindung zwischen Südamerika und dem Norden. Doch eine Straße gibt es nicht. 

Karte von Kolumbien mit der Stadt Ecocli und der Region Darién

Clavens Nerée, ebenfalls Haitianer, hat sich mit Proviant, Regencape und Laterne ausgestattet. "Wir werden fast eine Woche im Dschungel unterwegs sein", sagt er. "Deswegen müssen wir Wasser und Essen mitnehmen, und eine Machete zum Schutz vor den wilden Tieren."

Wilde Tiere, Moskitoschwärme, tropische Regenfälle und reißende Flüsse, dazu kommen bewaffnete Gruppen und Drogenbanden. Die mehr als 200 Kilometer lange Darién-Strecke ist durchzogen von Schmuggelrouten und gilt als lebensgefährlich.

Menschen aus Haiti warten in Necocli darauf, dass ein Boot sie nach Panama bringt. | AP

Menschen aus Haiti warten in Necocli darauf, dass ein Boot sie nach Panama bringt. Dort liegt noch der Weg durch den Dschungel vor ihnen. Bild: AP

Einreise für 500 Menschen pro Tag

Die Berichte jener, die es wie die Kubanerin Galiana Garcia nach Panama geschafft haben, sind schockierend: "Wir sind acht Tage durch den Dschungel gelaufen, dann ließen sie uns allein. Fünf Männer kamen, haben meiner kleinen Tochter die Waffe an den Kopf gesetzt und uns alles geraubt", erzählt sie. "Kleider, Geld, Pässe, alles. Wir musste eine Frau zurücklassen, sie war am Sterben, sie war sehr schwach."

Trotzdem will Clavens Nerée den Weg auf sich nehmen. Und nicht nur er. 70.000 Menschen haben sich in diesem Jahr auf die gefährliche Route begeben und in dann Panama registrieren lassen. 14.000 Migranten warten derzeit in Necocli auf die Weiterreise, täglich kommen bis zu 1500 Menschen dazu: Haitianer, Kubaner, aber auch Menschen aus Afrika. Doch Panama lässt nur 500 Menschen pro Tag einreisen. Die Lage in Necocli wird zunehmend angespannter.

In Necocli gestrandete Migranten haben am Strand der Hafenstadt Zelte aufgeschlagen. | dpa

In Necocli gestrandete Migranten haben am Strand der Hafenstadt Zelte aufgeschlagen. Bild: dpa

Bald mehr Migranten als Einwohner?

Die wenigen Hotels und Privatunterkünfte sind voll, die Tickets für die Fähre wochenlang im Voraus ausgebucht. Menschen campieren auf der Straße und am Strand, das Gesundheitssystem der Stadt sei kollabiert, sagt Jimmy Rivas von der Stadtverwaltung von Necocli. "Wir fordern alle Behörden und Regierungen auf, sich dringend um eine Lösung zu bemühen", warnt er. "Das ist ein Problem, was nicht nur Kolumbien und Necocli betrifft sondern die ganze Welt."

Ende August trafen sich die Außenminister mehrerer Länder zur Krisensitzung. Es solle ein regionaler Rahmen geschaffen werden, forderte Panamas Außenministerin Erika Mouynes: Kontingente für sichere Routen, ein gemeinsames Vorgehen gegen Schlepper und Schmuggler. Doch wie und wann das geschehen soll, ist unklar.

Dabei nimmt der Druck zu: Während die USA und Mexiko die Grenzen Richtung Süden abriegeln, drängen immer mehr Menschen aus dem Süden hinzu. Die Behörden rechnen bis Ende September mit 30.000 Migranten in Necocli - das ist weit mehr als die Einwohnerzahl der kleinen Hafenstadt an der Karibikküste.