Menschen stehen nach dem Erdbeben vor einem ehemaligen Hotel in Les Cayes, Haiti. | AFP

Erdbeben in Haiti Zahl der Toten steigt auf mehr als 300

Stand: 15.08.2021 09:22 Uhr

Eingestürzte Gebäude, volle Krankenhäuser: Bei einem Erdbeben in Haiti wurden mehr als 300 Menschen getötet und große Schäden verursacht. Die USA boten dem von Krisen gebeutelten Staat Hilfe an.

Bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti sind nach offiziellen Angaben mehr als 300 Menschen getötet worden. Mindestens 1800 seien verletzt, teilte die Zivilschutzbehörde mit. Zahlreiche Personen würden noch vermisst.

Der Direktor der Behörde, Jerry Chandler, sagte der Nachrichtenagentur AP, einige Orte seien komplett dem Erdboden gleichgemacht worden, Krankenhäuser könnten die vielen Verletzten gar nicht mehr aufnehmen, vor allem in der Küstenstadt Les Cayes, in der rund 126.000 Menschen leben. "Das Wichtigste ist jetzt, so viele Überlebende wie möglich aus den Trümmern zu ziehen." Chandler sagte, die Not sei gewaltig. Das Internationale Rote Kreuz sei bereits im Einsatz, um für die Verletzten zu sorgen.

Interims-Premierminister Ariel Henry besuchte nach eigenen Angaben das betroffene Gebiet. Er rief einen einmonatigen Notstand aus. Er appellierte an die Bevölkerung, "Solidarität zu zeigen" und nicht in Panik zu geraten.

USA bieten Hilfe an - Auswärtiges Amt warnt

US-Präsident Joe Biden kündigte Hilfe für die Opfer der Katastrophe an: "Die Vereinigten Staaten bleiben dem haitianischen Volk ein enger und beständiger Freund, und wir werden auch nach dieser Tragödie da sein", hieß es in einer Mitteilung des US-Präsidenten. "Wir sprechen all jenen unser tiefstes Beileid aus, die einen geliebten Menschen verloren haben oder deren Häuser und Geschäfte zerstört wurden", so Biden.

Das Auswärtige Amt rief dazu auf, das Erdbebengebiet zu meiden: "Es muss mit zahlreichen Toten und Verletzten sowie starken Schäden an Gebäuden und Infrastruktur gerechnet werden. Es kommt weiterhin zu starken Nachbeben." Reisende sollten die betroffene Gegend meiden, hieß es in den Reise- und Sicherheitshinweisen. Von Reisen nach Haiti wird schon seit längerem dringend abgeraten.

Schwierige Kommunikation

Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7,2 lag zwölf Kilometer vor der Gemeinde Saint-Luis-du-Sud, vor allem die südliche Halbinsel von Haiti war von dem Beben betroffen. Die Erschütterungen waren in ganz Haiti bis nach Jamaika und die Dominikanische Republik zu spüren.

Auf zahlreichen Handyvideos ist zu sehen, wie die Menschen in Panik auf die Straßen laufen, unzählige eingestürzte Gebäude sind zu erkennen. Das gesamte Ausmaß der Schäden ist derzeit nicht absehbar - Rettungskräfte sprechen von einer schwierigen Kommunikation mit den betroffenen Regionen.

Die Hilfsorganisation Save the Children zeigte sich in großer Sorge um die Kinder in Haiti. Die Mitarbeiter der Organisation vor Ort berichteten von "entsetzlichen Verwüstungen". Auch wenn es noch Tage dauern werde, um das gesamte Ausmaß der Schäden zu erfassen, sei schon klar, dass sich Haiti inmitten einer humanitären Notlage befinde.

Die Karte zeigt Haiti mit Saint-Louis-du-Sud und dem Epizentrum des Erdbebens

Lehren aus dem Beben von 2010

Bereits im Laufe des Tages hatten sich Nichtregierungsorganisationen mit Vertretern der Regierung getroffen, um die Hilfen zu koordinieren. Die Regierung will dabei die Fehler von 2010 vermeiden: Bei dem Erdbeben, das vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince getroffen hatte, waren mehr als 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Und so sollen die Menschen, die nicht mehr zurück in ihre Häuser können, dieses Mal nicht in Sammellagern untergebracht werden, sondern möglichst nah an ihrem Wohnort - oder bei Familienangehörigen.

In Haiti gibt es kaum funktionierende staatliche Strukturen, um schnelle Hilfe zu leisten. Der arme Karibikstaat ist in einer schweren politischen Krise. Am 7. Juli war Präsident Jovenel Moise ermordet worden, das Land wird von einer Übergangsregierung geführt. Kriminelle Banden sorgen zusätzlich für ein Klima der Unsicherheit. Etwa 4,4 Millionen der rund elf Millionen Haitianerinnen und Haitianer leben unter der Armutsgrenze.

Die schwierige politische Situation könnte auch die Arbeit von Helfern gefährden. "Ich denke, mehr als die schwachen Institutionen sind es die schlechte Infrastruktur und der Mangel an Ressourcen, der sich wirklich auf die Fähigkeit des Landes auswirkt, auf die Situation zu reagieren", sagt Annalisa Lombardo von der Welthungerhilfe.

Haiti wird immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht. Nach dem verherrenden Erdbeben im Januar 2010 töte ein Hurrikan im Jahr 2016 Hunderte Menschen. Bereits am Montag oder Dienstag dürfte nun der Tropensturm "Grace" Haiti erreichen, was die aktuelle Situation noch einmal verschlechtern könnte.

Mit Informationen von Anna Hanke, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2021 um 20:00 Uhr.