Kanadas Premier Trudeu steht während einem Wahlkampfauftritt in Markham unter einem Lichterkranz | REUTERS

Kanadas Premier Trudeau zockt - mit Risiko

Stand: 20.09.2021 01:44 Uhr

Mit den heutigen vorgezogenen Neuwahlen geht Kanadas Premier Trudeau ein hohes Risiko ein. Viele Kanadier halten sie für überflüssig, und im Wahlkampf wirkt der einstige Strahlemann mehr grau als sonnig.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Niemand habe vor, eine Neuwahl anzusetzen - so beteuert Kanadas Premier Justin Trudeau noch zu Beginn des Jahres. Im August klingt dann es so: Die Kanadier müssten wählen können, wie die nächsten die nächsten 17 Monate, wie die nächsten 17 Jahre aussehen - und die Zeit danach.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Der Sunnyboy als Pokerface. Denn Trudeau setzt alles. Er will endlich die absolute Mehrheit der Sitze zu gewinnen und ohne Rücksicht auf die Opposition regieren können. Als Grund nennt er die Covid-Krise. Die Kanadier sollten wählen, wer sie da herausführen soll.

Doch gerade wegen dieser Krise nehmen auch viele Anhänger ihm den politischen Schachzug übel. Es geschehe derzeit doch so viel, sagt eine Frau vor dem Parlament in Ottawa - "Wahlen gehören jetzt nicht hierhin". Und eine andere glaubt, keiner sei "in der geistigen Verfassung, um irgendwelche Entscheidungen zu treffen".

Dabei ist Trudeaus Covid-Politik das Erfolgreichste, was er gerade zu bieten hat. Nach holprigem Start ist Kanada mit seiner Impfkampagne besser als fast alle andern Länder: 78 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren sind voll geimpft. Der Impfzwang für Beamte und Angestellte bringt dem Premier allerdings auch Feinde ein. Kürzlich flogen sogar Kieselsteine.

Kanadas Premier Trudeau mit Familie | REUTERS

Natürlich gehören blitzsaubere Familienbilder auch zum Wahlkampf von Premier Trudeau .... Bild: REUTERS

Kanadas Premier Trudeau begrüßt Anhänger mit der Faust | REUTERS

... ebenso wie das Spiel mit dem Rock-Star-Image. Aber reicht das am Ende für einen Sieg? Bild: REUTERS

Wo bleiben die versprochenen "sunny ways"?

Die sonnigen Wege, die der Premier beim Einzug in seine erste Amtszeit versprochen hatte, kamen auch nach dem zweiten Wahlsieg vor zwei Jahren nicht. Statt dessen kam Covid-19. Und ein Skandal: Eine gemeinnützige Organisation erhielt einen 900 Millionen Kanadische Dollar schweren Regierungsauftrag. Die NGO beschäftigte zufällig auch Angehörige der Familie Trudeau als Redner.

Der Premier muss vor die Ethikkommission, weist die Vorwürfe zurück. Trudeau übersteht es.

In der Pandemie präsentiert er sich den Kanadiern als Familienmensch, sorgt sich im Interview um seine Kinder. Die graue Corona-Mähne trägt er offensichtlich gern. Doch der immer grauere Homeoffice-Bart zeugt zwischendurch von vielen Sorgen: Erst sind es Schreckensbilder von Massengräbern indigener Kinder auf Internats-Geländen der katholischen Kirche. Dann brennen die Wälder. Es kommt vieles zusammen. Trudeau zählt auf: "Eine globale Pandemie, eine globale Rezession, eine globale Klimakrise, die Waldbrände und Fluten in der ganzen Welt verursacht hat."

Kanadas Premierminister Trudeau hält während einer Pressekonferenz im Juni 2021 eine Maske in den Händen. | REUTERS

Unter der Maske wurde der Bart zusehends grau, und die Haare sprossen. Doch mit seiner Covid-Politik allein kann Trudeau nicht im erhofften Maße punkten. Bild: REUTERS

Auch der Gegner gibt sich gemäßigt

Im Wahlkampf setzt der Liberale auf die Wohnungs- und Steuerpolitik. Er will fast kostenlose Kindergartenplätze einführen. Trudeaus größtes Problem: Sein Rivale Erin O’Toole gibt sich nicht als harter Konservativer. Mit seinem gemäßigten Auftreten lockt er viele enttäuschte Wähler, die den Versprechen Trudeaus nicht mehr trauen.

Umfragen zeigen: Sein Pokerspiel könnte knapp ausgehen. Doch ein Fan aus der Nachbarschaft hält Trudeau die Treue: Ex-US-Präsident Obama gab seine Wahlempfehlung für ihn ab.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2021 um 07:00 Uhr in den Nachrichten.