Ein Mensch geht an einem Gedenkplakat für indigene Kinder vorbei, die unter dem "residential school"-System litten. | REUTERS

Kanadas "First Nations" "Nicht nur überleben, sondern weiterkommen"

Stand: 07.01.2022 04:17 Uhr

Jahrzehntelang wurden in Kanada indigene Kinder ihren Herkunftsfamilien entrissen, im Schulsystem waren sie Misshandlung ausgesetzt. Nun zahlt der Staat Kompensationen an 115.000 Betroffene.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Ashley Bach war gerade erst zur Welt gekommen, als man sie ihrer Mutter wegnahm. Das Mädchen aus einer indigenen Gemeinschaft im Norden der kanadischen Provinz Ontario wuchs bei Pflegeeltern in British Columbia auf. "Als meine biologischen Eltern mich nach Hause holen wollten, wurde das untersagt", erzählt sie. In dem Reservat, in dem sie lebten, seien die Voraussetzungen zu schlecht.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Mit 18 verließ sie die - wie sie sagt - "feindliche Atmosphäre" ihrer Pflegefamilie. Seitdem kämpft die heute 27-Jährige dafür, dass das Leid, das ihr und mehr als 100.000 anderen Kindern angetan wurde, anerkannt und kompensiert wird. Mit Erfolg: Die kanadische Regierung hat jetzt 40 Milliarden kanadische Dollar - umgerechnet rund 28 Milliarden Euro an Entschädigung zugesagt. "Diese Entschädigung wird es den Betroffenen ermöglichen, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern und wieder eine Verbindung zu ihren indigenen Gruppen aufzunehmen. Nicht nur zu überleben, sondern weiterzukommen im Leben", sagt sie.

"Kollektive Verantwortung anerkennen"

Ashley hat das bereits geschafft: Sie hat studiert und war maßgeblich an der Vereinbarung beteiligt, die die kanadische Regierung nach langen Verhandlungen mit Opferverbänden getroffen hat. Ein Meilenstein, sagt der kanadische Premierminister Trudeau: "Viel zu lange sind indigene Kinder ihren Familien und Gruppen entrissen worden. Sie haben ihre Sprache und ihre Kultur verloren, sie sind misshandelt worden. Wir müssen unsere kollektive Verantwortung dafür anerkennen."

In der "historischen Vereinbarung" gehe es darum, diese Ungerechtigkeit zu beenden. Sie sieht vor, dass alle rund 115.000 indigenen Kinder, die zwischen 1991 und 2021 ihren Familien entrissen wurden, mindestens 40.000 Dollar bekommen sollen. Insgesamt sollen mehr als 200.000 Kinder und ihre Familien von Zahlungen profitieren.

Mit 20 Milliarden Dollar soll zudem langfristig das Heim- und Sozialsystem reformiert werden. Dringend notwendig, findet nicht nur Cindy Woodhouse, die die indigenen Gemeinschaften in der kanadischen Provinz Manitoba vertritt: "Das gesamte Jugendhilfesystem Kanadas war von Anfang an falsch. Viele wissen das nicht, aber es gab Anreize dafür, indigene Kinder aus ihren Familien zu holen. Die lokalen Behörden haben Geld bekommen, wenn sie sie Kinder in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht haben."

Anpassungszwang in "residential schools"

Eine Erklärung dafür, dass nicht einmal acht Prozent der Kinder in Kanada aus indigenen Familien kommen, sie aber in Pflegefamilien und -einrichtungen mit 52 Prozent völlig überrepräsentiert sind. "Es liegt noch ein weiter Weg vor uns", meint Woodhouse. "Um das Leid und die Armut der indigenen Bevölkerung zu bekämpfen, ist kein Betrag ausreichend. Geld kann auch den Verlust eines Kindes nicht wettmachen. Aber es geht darum, Leid anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass es gesehen und gehört wird."

Das wünschen sich auch die indigenen Familien, die vom System der sogenannten residential schools betroffen sind: Zwischen 1830 und 1996 waren rund 150.000 Kinder von Indigenen von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt worden, um sie zur Anpassung zu zwingen. Viele von ihnen wurden dort misshandelt und waren sexueller Gewalt ausgesetzt. 

Der Fund von mehr als 1000 Gräbern hatte in vergangenen Jahr über die Grenzen Kanadas hinaus für Entsetzen gesorgt. Viele indigene Gemeinschaften machen die Heime, die ganze Generationen geprägt haben, für soziale Probleme wie Alkoholismus, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten verantwortlich. UN-Menschenrechtsexperten haben von der kanadischen Regierung und der katholischen Kirche, die viele dieser Heime betreiben hat, eine umfassende Aufklärung gefordert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Januar 2022 um 23:36 Uhr.