Eisbären zwischen Felsen | ARD New York
Weltspiegel

Klimawandel in Kanada Anpassen oder untergehen

Stand: 07.11.2021 10:33 Uhr

Menschen und Eisbären - in der Hudson Bay haben sie sich über Jahrhunderte miteinander arrangiert. Aber der Klimawandel raubt den Bären den Lebensraum, und so versucht man im Ort Churchill, sich an die neue Lage anzupassen.

 Von Christiane Meier, ARD-Studio New York, zurzeit Churchill

Am Ufer des Churchill River bildet sich langsam und zaghaft das erste Eis. Eigentlich sollten sich hier schon Eisschollen türmen und die Temperatur bis minus 20 Grad kalt sein.  

Christiane Meier ARD-Hauptstadtstudio

Aber in diesem Jahr hat das Eis Verspätung und die Bären warten in der Tundra. Sie sind schon seit dem Frühjahr an Land und leben weitgehend von ihren Fettreserven. Wenn die nach einem langen Sommer aufgebraucht sind, müssen sie zurück aufs Eis, um Robben zu jagen, ihr Hauptnahrungsmittel. 

In Churchill warten die 900 Einwohner und Hunderte Touristen ebenso. Denn wenn das Eis kommt, gibt es noch mehr Bären zusehen, die vom Land aufs zugefrorene Meer zurückkehren. Fast genauso viele Bären wie Menschen haben dieses Zusammenleben über Jahrzehnte erfolgreich erprobt. Forscher schätzen, dass etwa 1000 Eisbären in der Tundra den Sommer überdauern. 

Der Klimawandel stresst die Bären

Geoff York, Wissenschaftler am Polar Bear International Institut in Churchill, hat mitgezählt: 146 Tage sind die Eisbären nach seiner Beobachtung jetzt bereits an Land. Ab 180 Tagen wird es nach seiner Einschätzung kritisch. Aber noch sind die Bären in gutem Zustand. 

Das ist schön für die wohlhabenden Touristen, die das Städtchen Churchill besuchen, um Eisbären in freier Wildbahn zu sehen, aber Geoff weiß, dass das auf Dauer nicht so bleiben wird; die Bären werden auf lange Sicht immer schwächer werden.

Die immer länger werdenden Sommer sind Zeichen des Klimawandels, der den Permafrost taut und die Bären stresst. In den vergangenen dreißig Jahren habe es in der Bärenpopulation einen Rückgang um 30 Prozent gegeben. Klimamaßnahmen könnten jetzt noch Zeit kaufen, aber auf lange Sicht hat er keine Hoffnung.

Was geschieht, wenn der Permafrost taut

Klimawandel hautnah hat das kleine Churchill schon vor vier Jahren erlebt. Unter den Bahnschienen taute der Permafrost, die Schienen versanken, die Stadt war vollständig abgeschnitten und konnte nur durch eine Art Luftbrücke versorgt werden. Für Bürgermeister Mike Spence war diese Katastrophe vor allem ein Anreiz. 

Wir sehen, dass der Klimawandel hier ist. Aber wir betrachten das auch als Chance. Es ist eine Bedrohung, aber auch eine Gelegenheit sich weiterzuentwickeln. In 25 bis 30 Jahren wird es hier gar kein Eis mehr geben, das ist gut für den Schiffsverkehr und schlecht für die Eisbären. Aber wir müssen damit umgehen.

Die Bahn haben die indigenen Völker der Gegend zusammen mit Investoren einfach gekauft, die Schienen werden jetzt klimafest gemacht. Weil das teuer ist, hilft auch die Regierung. Später, so träumt Mike Spence, sollen wieder Weizen und anderes Getreide über die Schiene zum Hafen und von dort an die Ostküste transportiert werden. Denn Churchill hätte dann einen eisfreien Zugang zu den großen Handelsrouten.

Churchill in Kanada | ARD New York

Auf die Eisenbahn setzen sie in Churchill ihre Hoffnungen - aber der Staat muss finanziell mithelfen. Bild: ARD New York

Das Erbe des Kalten Krieges hilft

Der Hafen ist ein Erbe des kalten Krieges. In Churchill waren bis in die 1960er-Jahren Truppen stationiert, mit dem Blick nach Osten, nach Russland. Deshalb gibt es die Infrastruktur, die den komplizierten Anpassungsprozess überhaupt erst möglich macht.

Außerdem hat der Bürgermeister moderne Polar-Forschungsinstitute in seiner Stadt angesiedelt, das Churchill Northern Studies Center und die Churchill Marine Observation Facility. Mit ihnen verbindet sich ebenfalls die Hoffnung auf eine gute, vielleicht sogar bessere Zukunft.

Ein Zug mit der Aufschrift  "Canada" | ARD New York

Was aber von der Beschaulichkeit in Churchill bleibt, wenn Hafen und Bahn das Leben bestimmen, das fragen sich auch die Bewohner. Bild: ARD New York

Viele Attraktionen in der Hudson Bay

Aber die Sorge um die gefährdeten Eisbären trübt den Blick in die Zukunft. Sie bringen der Stadt derzeit reichlich Einnahmen, denn wer hierher kommt, muss schon so einige Dollar hinlegen. Weil aber auf das Eis kein Verlass ist, hofft Spence auf die anderen Attraktionen: Um die 3000 Belugawale gebären ihre Jungen im Hudson Bay und sind in den Sommermonaten ein genauso großer Touristenmagnet wie die Bären. Auch Vogelbeobachter kommen auf ihre Kosten. Und dann wären da noch die Nordlichter, die sind nämlich durch den Klimawandel nicht gefährdet, sie erscheinen verlässlich und spektakulär.

Ob ein betriebsamer Hafen diese Naturschätze unbeeinträchtigt ließe, ist mindestens zweifelhaft. Nicht ganz ohne Ironie ist es wohl auch, dass Touristen einen erheblichen CO2-Fußabdruck hinterlassen, um die letzten Eisbären der Region zu sehen, solange sie noch da sind.

Dennoch ist allen in Churchill klar, dass auch das ambitionierteste Klimaprogramm bestenfalls etwas Zeit erkaufen kann. Das Eis wird nie mehr in alter Stärke zurückkehren und deshalb hat Churchill sich selbst das ambitionierte Adaptionsprogramm auferlegt: anpassen oder untergehen.

Über dieses Thema berichtet der „Weltspiegel“ im Ersten am 07. November 2021 um 19:20 Uhr.