Eine Frau hält eine Adlerfeder. | dpa

Indigene in Kanada 182 weitere Gräber nahe Internat gefunden

Stand: 01.07.2021 09:39 Uhr

Wieder sind Gräber in der Nähe einer früheren Schule für indigene Kinder in Kanada gefunden worden. Experten entdeckten die Überreste von 182 Leichen mit einem Bodenradar. Die Wut ist groß - erneut brannten Kirchen.

In Kanada weitet sich der Skandal um unmarkierte Gräber von Indigenen aus. In der Nähe eines früheren kirchlichen Umerziehungsheims sind 182 weitere solcher Grabstätten entdeckt worden. Das berichtete der Nachrichtensender CBC. Es handelt sich bereits um den dritten Fund dieser Art innerhalb weniger Wochen. Die Wut infolge der Entdeckungen ist groß, erneut gingen in Kanada zwei katholische Kirchen in Flammen auf.

Experten stießen bei Suchaktionen an der Saint Eugene's Mission School im westkanadischen Crankbrook vermutlich auf die sterblichen Überreste von Schülern des Internats, wie die dortige indigene Lower-Kootenay-Gemeinschaft mitteilte. Der Fund nahe der katholischen Missionsschule in British Columbia sei - wie die anderen - mittels Bodenradar möglich geworden, hieß es. Die Gemeinde geht davon aus, dass es sich bei den toten Kindern, von denen viele in nur einen Meter tiefen Gräben verscharrt wurden, um Schüler im Alter von sieben bis 15 Jahren handelte.

Karte mit der Stadt Cranbrook in Britisch-Kolumbien (Kanada)

Bereits mehr als 1000 Gräber gefunden

Die katholische Kirche hatte das Internat im Auftrag der Regierung von 1912 bis Anfang der 70er-Jahre betrieben. Zuvor hatten bereits zwei ähnliche Funde das Land erschüttert. Auf dem Gelände eines früheren katholischen Internats nahe der Kleinstadt Kamploops in British Columbia waren Ende Mai 215 Kinderleichen gefunden worden.

Daraufhin wurden in ganz Kanada mit Unterstützung der Behörden Ausgrabungen in der Umgebung ehemaliger Schulen für Kinder Indigner vorgenommen. Bei einem anderen katholischen Internat in Marieval in der Provinz Saskachewan stießen die Experten dann auf weitere 751 anonyme Gräber.

Insgesamt acht Kirchen brannten

Kanadas Regierungschef Justin Trudeau forderte in der vergangenen Woche, das Land müsse "Lehren aus der Vergangenheit ziehen", deutete aber auch an, die Schuld liege größtenteils bei der katholischen Kirche. Seit den ersten Leichenfunden gingen in Kanada bereits acht Kirchen in Flammen auf.

Am Morgen brannten eine Kirche in Morinville nördlich von Edmonton in der Provinz Alberta und eine Kirche im Indigenen-Gebiet Sipekne'katik bei Halifax in der Provinz Nova Scotia ab, wie die kanadische Polizei mitteilte. Sie stuft beide Brände als "verdächtig" ein und ermittelt wegen möglicher Brandstiftung. Mehrere andere Kirchen in Kanada wurden beschädigt, unter anderem mit roter Farbe. Es wird noch geprüft, ob es eine Verbindung zwischen den Anschlägen und den Funden der Kinderleichen gibt.

Trudeau forderte Papst zu Entschuldigung auf

In einem persönlichen Gespräch hatte Trudeau Papst Franziskus zu einer Entschuldigung vor Ort bei den indigenen Völkern aufgefordert. Franziskus selbst hatte sich bereits Anfang Juni bestürzt und schockiert gezeigt. Indigene Gruppen rechnen jedoch noch mit weiteren Entdeckungen solcher Gräber. Die kanadische Bischofskonferenz hatte zuvor mitgeteilt, dass eine Gruppe indigener Vertreter Mitte Dezember mit dem Papst im Vatikan zusammentreffen soll. Es gehe darum, "Dialog und Heilung" zu fördern.

In Kanada waren ab 1874 rund 150.000 Kinder von Indigenen und gemischten Paaren von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht.

Mit Informationen von Antje Passenheim, ARD-Studio New York