Ein Feld in der Nähe der ehemaligen Marieval Indian Residential School bei Grayson (Saskatchewan, Kanada) | via REUTERS

Indigene in Kanada Mehr als 750 anonyme Gräber auf Internatsgelände

Stand: 24.06.2021 19:27 Uhr

In Kanada in der Nähe eines früheren katholischen Internats für indigene Kinder 751 anonyme Gräber entdeckt worden. Ende Mai wurden bereits Überreste von 215 Kindern gefunden.

In Kanada sind auf einem Gelände in der Nähe eines früheren katholischen Internats für Kinder von Indigenen Hunderte anonyme Grabstellen entdeckt worden. Bislang seien in der Ortschaft Marieval im Westen Kanadas 751 anonyme Gräber entdeckt worden, sagte der Vorsitzende der indigenen Gemeinschaft Cowessess, Cadmus Delorme. So viele nicht gekennzeichnete Gräber seien bisher noch nie gefunden worden.

Es handele sich um ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit, eine Aggression gegen die First Nations", erklärte Bobby Cameron von der Föderation souveräner indigener Nationen (FSIN). Cameron forderte die Regierung und die Kirche zur Zusammenarbeit auf. "Wir werden mehr Leichen finden und wir werden nicht aufhören, bis wir alle Kinder gefunden haben."

Kanada müsse nun "Lehren aus der Vergangenheit ziehen", erklärte Regierungschef Justin Trudeau in einer ersten Stellungnahme zu dem aktuellen Fund. Kanada müsse "auf dem gemeinsamen Weg der Versöhnung vorankommen".

Ausgrabungen in der Nähe von Schulen

Ende Mai waren bereits auf dem Gelände eines früheren katholischen Internats nahe der Kleinstadt Kamloops in der Provinz British Columbia die sterblichen Überreste von 215 indigenen Kindern entdeckt worden. Sie sorgten landesweit für Erschütterung. UN-Menschenrechtsexperten forderten eine umfassende Aufklärung der Hintergründe. Forderungen an den Vatikan, sich zu entschuldigen und alle Dokumente zu den Vorgängen herauszugeben, blieben zunächst unbeantwortet.

Nach der Entdeckung der Kinderleichen in Kamloops wurden in ganz Kanada mit Unterstützung der Behörden Ausgrabungen in der Nähe ehemaliger Schulen für Kinder von Indigenen vorgenommen, darunter auch in dem Ort Marieval, etwa 140 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Regina. Dort gab es von 1899 bis 1997 ein katholisches Internat für indigene Kinder. Es wurde zwei Jahre später abgerissen und durch eine normale Tagesschule ersetzt.

Viele Kinder misshandelt oder missbraucht

In Kanada waren ab 1874 rund 150.000 Kinder von Indigenen und gemischten Paaren von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. Nach bisherigen Angaben starben mindestens 3200 dieser Kinder, die meisten an Tuberkulose.

Opfer eines "kulturellen Genozids"

Viele indigene Gemeinschaften machen die Heime, die ganze Generationen geprägt haben, heute für soziale Probleme wie Alkoholismus, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten verantwortlich. Ottawa entschuldigte sich im Jahr 2008 offiziell bei den Überlebenden der Internate. Sie seien Opfer eines "kulturellen Genozids", stellte eine Untersuchungskommission im Jahr 2015 fest.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. Juni 2021 um 22:15 Uhr.