Die Indian Residential School in Kamloops in Kanada. (Archiv) | via REUTERS

Ex-Internat in Kanada Überreste von 215 Ureinwohner-Kindern entdeckt

Stand: 29.05.2021 02:20 Uhr

Jahrzehntelang wurden Kinder von Ureinwohnern in Kanada in Internate gesteckt, um sie umzuerziehen und zu christianisieren. Auf dem Gelände einer solchen ehemaligen Schule wurden nun die Überreste von 215 Kindern entdeckt.

Auf dem Gelände eines ehemaligen Internats für Kinder von Ureinwohnern in Kanada sind die sterblichen Überreste von 215 Kindern gefunden worden. Die Gebeine seien mit einem speziellem Sonargerät entdeckt worden, erklärte die indigene Gemeinschaft Tk'emlups te Secwepemc. Einige der toten Kinder seien erst drei Jahre alt gewesen, sagte die Leiterin der indigenen Gemeinschaft, Rosanne Casimir.

Todesursache unklar

Das katholische Heim nahe der Kleinstadt Kamloops war vor über hundert Jahren eröffnet worden, um Kinder von Ureinwohnern zwangsweise zu christianisieren und in die Gesellschaft der europäischen Einwanderer zu integrieren. Der Tod der Kinder sei von der damaligen Schulleitung nie dokumentiert worden, obwohl ihr Verschwinden von Mitgliedern der Gemeinde gemeldet worden sei. Wie die Kinder ums Leben kamen, ist noch unklar. Nach Angaben der indigenen Gemeinde beschwerte sich der Schulleiter des Heims in Kamloops im Jahr 1910 darüber, dass die Regierung nicht genug Geld zur Verfügung stelle, um "die Schüler angemessen zu ernähren".

Die Gemeinde will mit Gerichtsmedizinern und Museen in der Gegend zusammenarbeiten, um die Umstände aufzuklären. Die vorläufigen Ergebnisse sollen im Juni in einem Untersuchungsbericht veröffentlicht werden. Die kanadische Ministerin für die Beziehung zu indigenen Einwohnern, Carolyn Bennett, erklärte: "Es bricht mir das Herz für die Familien und Gemeinden, die von dieser tragischen Nachricht betroffen sind."

Erst 1969 geschlossen

Das ehemalige Internat, das von der katholischen Kirche im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben wurde, war eines von 139 solcher Einrichtungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kanada errichtet wurden. Es wurde 1890 eröffnet und hatte in den 1950er-Jahren bis zu 500 Schüler. Erst 1969 wurde das Internat geschlossen. Die letzten dieser Schulen wurden erst Mitte der 1990er-Jahre geschlossen.

Die Indian Residential School in Kamloops in Kanada. (Archiv) | via REUTERS

Die Indian Residential School in Kamloops hatte Hunderte Schüler. Bild: via REUTERS

"Kultureller Genozid"

In Kanada waren ab 1874 rund 150.000 Kinder von Inuit und anderen indigenen Gruppen von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und unter Zwang in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. Mindestens 3200 starben, die meisten an Tuberkulose. 

Viele indigene Gemeinschaften machen die Heime, die ganze Generationen geprägt haben, heute für soziale Probleme wie Alkoholismus, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten verantwortlich. Ottawa entschuldigte sich im Jahr 2008 offiziell bei den Überlebenden der Internate. Sie seien Opfer eines "kulturellen Genozids", stellte eine Untersuchungskommission im Jahr 2015 fest.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Mai 2021 um 09:13 Uhr.