US-Vizepräsidentin Kamala Harris. | AFP

US-Vizepräsidentin Harris Große Erwartungen, schlechte Schlagzeilen

Stand: 20.01.2022 03:29 Uhr

Begleitet von großen Erwartungen trat US-Vizepräsidentin Harris ihr Amt an. Ein Jahr später ist sie in Umfragen unbeliebt, antwortet auf Kritik meist nur mit einem Lachen. Ist Harris schon gescheitert?

Von Florian Mayer, ARD-Studio Washington

Am 20. Januar 2021 herrschte Feierstimmung bei der Hälfte der US-Wähler: Vier Jahre Trump sind zu Ende. Als US-Präsident folgt der Demokrat Joe Biden, der gute Kumpel von Barack Obama, und mit ihm: Kamala Harris, die erste Frau mit indisch-jamaikanischen Wurzeln im Amt der US-Vizepräsidentin - was Biden als Beleg für den Wandel in den USA anführte: "Erzählen Sie mir nicht, dass die Dinge sich nicht ändern können!", sagte er zu ihrer Amtseinführung. Ein Jahr später sinken die Zustimmungswerte der Vizepräsidentin stetig. Mehr als die Hälfte der US-Amerikaner ist unzufrieden mit Harris - trotz ihrer historischen Wahl.

Florian Mayer ARD-Studio Washington

Oder gerade deswegen, glaubt zumindest Politologin Elaine Kamarck von der Denkfabrik Brookings, die ehemalige Beraterin von Ex-Vizepräsident Al Gore. "Die Leute dachten, dadurch würde sich jetzt was grundlegend ändern, aber das war eine unrealistische Erwartungshaltung", sagt sie. Nur weil Harris' Amtseinführung medial als US-historischer Höhepunkt stilisiert wurde, bedeute das nicht, dass sie auch historische Entscheidungen treffe.

Das Gegenteil sei eher der Fall: Das Amt der Vizepräsidentin sei stark eingeschränkt. Effektiv warte man darauf, den amtierenden Präsidenten im Notfall abzulösen und ansonsten dessen Politik und dessen Botschaft unter die Leute zu bringen. "Eine Vizepräsidentin, die zu sehr im Rampenlicht steht, ist ein Problem für den Präsidenten", sagt Kamarck, die selbst Harris-Anhängerin ist.

"War noch nicht in Europa"

Harris zweites, großes Problem: ihre Arbeitsaufträge. Die Migrationskrise der USA lösen und die Wahlrechtsreform erfolgreich durchbringen. Zwei Themenfelder, bei denen die Demokraten und Republikaner seit Jahren hart im Clinch liegen. Im Juni 2021 darauf angesprochen, dass sie noch nicht an der südlichen US-Grenze war, reagierte die Vizepräsidentin lachend mit dem Satz, sie sei ja auch noch nicht in Europa gewesen.

Ein gefundenes Fressen für rechts-konservative Medien wie den Sender Fox News: "Seit sie die Aufgabe bekommen hat, sich um die Probleme an der Grenze zu kümmern - vor neun Monaten - hat Harris nichts getan, um die Krise in den Griff zu bekommen", sagt Moderator Sean Hannity.

Was er dabei allerdings auslässt: Harris hat sich gekümmert, war mittlerweile an der Grenze, hat südamerikanische Staaten besucht, hat zusammen mit Guatemala die Joint Task Force Alpha ins Leben gerufen, die in grenzüberschreitender Zusammenarbeit den Menschenschmuggel eindämmen soll - und im November bereits erste Erfolge verzeichnet hat.

Öfter "rauskommen" aus Washington

Zum Jahreswechsel dann die nächsten schlechten Schlagzeilen: Sieben hochrangige Mitarbeiter sollen Harris' Stab aus Frust verlassen haben. "Laut Berichten soll Harris sich oft weigern, Briefings zu lesen, ist regelmäßig unvorbereitet für die alltäglichen Herausforderungen einer Vizepräsidentin" - Vorwürfe, die nicht nur Trumps Hofberichterstatter Hannity auf Fox News verbreitet hat. Auch liberale und pro-demokratische Medien griffen die Berichte von Harris Ex-Mitarbeitern auf.

Harris antwortete darauf im Nachrichtensender PBS wieder mit einem Lachen: Sie wich aus und erklärte, es sei wichtig, auch aus Washington rauszukommen.

Das ist also Harris' eigene Erkenntnis aus ihrem ersten Jahr: öfter raus aus der politischen Blase Washington und viel mehr zu den Menschen gehen, auf die ihre und Präsident Bidens Politik unmittelbar wirkt. Alles andere als eine leichte Aufgabe, während sich die Omikron-Variante des Coronavirus weiter in den USA ausbreitet.

Dass Harris dadurch mehr an Strahlkraft gewinnt und öfter im Rampenlicht stehen wird, sollte laut Politologin Elaine Kamarck aber nicht erwartet werden. Harris ist die Nummer Zwei im Weißen Haus, und das wird sich nicht ändern.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Januar 2022 um 10:35 Uhr.