US-Präsident Joe Biden | dpa

Chaos in Kabul Biden schließt längeren Einsatz nicht aus

Stand: 23.08.2021 03:03 Uhr

Eine Woche nach der Machtübernahme durch die Taliban bleibt die Lage in Afghanistan chaotisch. Am Flughafen Kabul spielen sich dramatische Szenen ab. Dies könnte auch den Abzug der Amerikaner verzögern.

US-Präsident Joe Biden hofft weiter darauf, den Truppeneinsatz zur Rettung Zehntausender Menschen aus Kabul am 31. August beenden zu können. Biden sagte in einer Ansprache im Weißen Haus, er habe die "Hoffnung", den Einsatz am Flughafen der afghanischen Hauptstadt "nicht verlängern zu müssen". Biden schloss eine Verlängerung des Einsatzes aber auch nicht aus. Wenn die US-Regierung von Verbündeten um eine Verlängerung gebeten werde, "werden wir schauen, was wir tun können", sagte der Präsident.

Biden sagte, seit dem Beginn der US-Evakuierungsmission am 14. August hätten US-Streitkräfte und ihre Koalitionspartner fast 28.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Innerhalb von 36 Stunden seien zuletzt rund 11.000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit gebracht worden. Der Präsident warnte aber: "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es kann noch viel schiefgehen." Die Szenen am Flughafen nannte Biden "herzzerreißend". Er betonte zugleich, die Evakuierung von Tausenden Menschen aus Kabul wäre immer "hart und schmerzvoll" verlaufen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Beginnes.

Schlechte Umfragewerte

Biden steht wegen der Ereignisse in Afghanistan massiv in der Kritik. In einer Umfrage für den Sender CBS gaben 74 Prozent der Befragten gaben an, die USA hätten den Rückzug ihrer Truppen schlecht organisiert - obwohl 63 Prozent einen Abzug der amerikanischen Streitkräfte an sich befürworteten. Auch Bidens Zustimmungswerte nahmen deutlich ab: Nur noch 50 Prozent zeigten sich zufrieden damit, wie Biden seinen Job macht. Im vergangenen Monat waren es noch 58 Prozent, im März sogar 62 Prozent.

US-Regierung verpflichtet zivile Airlines zur Hilfe

Die Lage am Airport ist weiter chaotisch. Nach Angaben des deutschen Brigadegenerals Jens Arlt sprach sich bei der Zuflucht suchenden Bevölkerung zwar herum, dass einige Tore zum Flughafen aus Sicherheitsgründen vorerst geschlossen blieben. Aber dieses kleine Anzeichen von leichter Entspannung sei nur eine Momentaufnahme. Die deutsche Botschaft warnt davor, zum Flughafen zu kommen: "Derzeit ist es grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben." Doch noch immer versuchen Tausende Afghanen, aus dem Land herauszukommen.

Bei der Evakuierungsaktion der Bundeswehr ist ein weiterer Flieger mit 213 Schutzbedürftigen an Bord aus Kabul im usbekischen Taschkent gelandet. Das teilte die Bundeswehr in der Nacht zu Montag auf Twitter mit. Der Militärtransporter des Typs A400M hatte auf dem Hinflug Hilfsgüter zum Flughafen Kabul gebracht. Zuvor hatte die Bundeswehr seit dem Start ihrer Evakuierungsaktion bereits mehr als 2500 Menschen ausgeflogen. Darunter waren etwa 1850 Afghanen, hieß es am Sonntagabend aus dem Auswärtigen Amt. Zudem wurden demnach mehr als 270 Deutsche und mehrere Hundert Menschen aus anderen Ländern ausgeflogen.

Nach wie vor geht es den westlichen Staaten darum, möglichst schnell möglichst viele ihrer Staatsbürger und Ortskräfte auszufliegen. Die Zeit wird knapp, weshalb das US-Verteidigungsministerium nun auch die zivilen Fluggesellschaften in den USA um Unterstützung gebeten hat. Verteidigungsminister Lloyd Austin aktivierte die erste Stufe eines Programms, bei der er 18 Flugzeuge beantragte, wie das Pentagon mitteilte.

Viele Hilfsorganisationen wollen bleiben

Rund 60 verschiedene Nationen sind in Kabul vertreten. Um die Situation am Kabuler Flughafen zu entspannen, suchen sie nun auch andere Wege, um die Menschen ausfliegen zu können. Alles in Abstimmung mit den Taliban, sagen die USA. Afghaninnen und Afghanen sollen sich jetzt an anderen Orten in der Stadt sammeln, um dann mit Hubschraubern oder gepanzerten Fahrzeugen auf das Flughafengelände zu gelangen. 

Dennoch, nicht alle der gut 150 internationalen Unterstützer-Organisationen wollen das Land verlassen. Die meisten wollen bleiben - von den UN-Organisationen sogar alle - mit etwa 300 ausländischen Beschäftigten und etwa 3000 Ortskräften. Samantha Mort von UNICEF in Kabul sagte: "Die Taliban haben uns nun schon angefragt, ob wir bleiben wollen würden und wir wollen das. Es gibt mehr als eine halbe Millionen Binnenflüchtlinge im Land. Die Hälfte des Landes benötigt humanitäre Hilfe. Wir brauchen hier weiterhin die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft."

G7-Treffen zu Afghanistan am Dienstag

Am kommenden Dienstag wollen die die G7-Staaten über die brisante Lage in Afghanistan beraten. Das kündigte Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson an. Großbritannien hat derzeit den Vorsitz in der Runde der führenden westlichen Industrienationen inne. Neben Deutschland und Großbritannien gehören auch Frankreich, Italien, Kanada, Japan und die USA dazu. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, so Johnson.

Die britischen Streitkräfte haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums seit dem 13. August 5725 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. In Kabul seien gegenwärtig mehr als 1000 britische Militärangehörige im Einsatz.

Taliban wollen Pandschir übernehmen

Die Taliban planen derweil die Übernahme der letzten afghanischen Provinz, die noch nicht unter ihrer Kontrolle ist. Nach Angaben des russischen Botschafters in Kabul sind sie zur Verhandlung mit ihren Gegnern in Pandschir bereit. Botschafter Dmitri Schirnow sagte im russischen Staatsfernsehen, die Taliban hätten ihn gebeten, den Anführern und den Menschen im Pandschir-Tal eine Botschaft zu überbringen. Die Taliban hofften, "eine friedliche Lösung für die Situation zu finden, zum Beispiel durch eine politische Vereinbarung. Die Taliban wollen kein Blutvergießen und sind zum Dialog bereit." Amrullah Saleh, der vor der Machtübernahme der Taliban Vizepräsident Afghanistans war und sich nach der Flucht des Präsidenten Aschraf Ghani nun als rechtmäßiger Präsident ansieht, twitterte am Sonntagabend deutscher Zeit, Taliban hätten Kräfte nahe dem Zugang zu Pandschir zusammengezogen.

Die Provinz Pandschir konnte von den Taliban auch während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage - der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen. Während die Islamisten in den vergangenen Monaten alle anderen Provinzen unter ihre Kontrolle brachten, gab es nur vereinzelte Angriffe auf Pandschir.

Mit Informationen von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. August 2021 um 18:00 Uhr.