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Interview

Obama und Springsteen Gemeinsam gegen den "Groll in uns"

Stand: 24.10.2021 16:00 Uhr

Wie können die USA ihre innere Spaltung überwinden? Diese Frage bewegt sowohl Ex-Präsident Obama als auch Rockstar Springsteen - und beide engagieren sich gemeinsam in dieser Sache. In den tagesthemen erzählen sie, was sie antreibt.

tagesthemen: Herr Präsident, Sie sind bekannt dafür, dass Sie gerne singen, und im Buch und im Podcast geben Sie zu, dass Sie das gerne auch unter der Dusche tun. Welchen Bruce-Springsteen-Song denn da am liebsten?

Barack Obama: Da gibt es einige. "The Rising" ist ein großartiger Titel, "A Promised Land" ebenso. "I'm on Fire" singe ich öfter Michelle vor. Das ist ein sexy Song. (Obama und Springsteen lachen)

Wie es zu dem Interview kam

Der Demokrat Barack Obama war von 2009 bis 2017 der 44. Präsident der USA - der erste schwarze in der Geschichte des Landes. Bruce Spingsteen ist einer der erfolgreichsten Rockmusiker des Landes. In seinen Songs beschreibt er meist das Alltagsleben der USA - oft das der "Arbeiterklasse".

Schon seit dem Frühjahr gibt es einen gemeinsamen Podcast von Obama und Springsteen. Am 26. Oktober erscheint nun ein Buch der beiden - mit dem Titel "Renegades - Born in the USA". Die tagesthemen haben eine von sehr wenigen Möglichkeiten für ein Interview im Vorfeld bekommen. Geführt hat es Ingo Zamperoni über eine Videokonferenz: Alle drei wurden von unterschiedlichen Orten zusammengeschaltet.

tagesthemen: Jetzt mal ernsthaft, zwei der bekanntesten Stimmen Amerikas unterhalten sich über Persönliches, aber auch drängende Probleme: Was hat Sie zu dem Projekt bewogen?

Obama: Bruce und ich sind Freunde, seit er sich großzügigerweise bereit erklärt hatte, sich an meinem Wahlkampf im Jahr 2008 zu beteiligen. Ich war damals noch nicht Präsident. Jetzt - in einer Zeit, in der wir mitten in einer Pandemie und großen politischen Turbulenzen steckten - dachte ich, es könnte hilfreich sein, wenn wir zwei mit unseren sehr unterschiedlichen Hintergründen, aber ähnlichen Denkweisen und einer hinterfragenden, aber dennoch dauerhaften Liebe für dieses Land ein Gespräch miteinander führen.

Die Leute, die uns zuhören, bekommen so ein Gefühl für die Wegstrecke, die wir zwei zurückgelegt haben, aber auch wohin das Land sich entwickelt.

tagesthemen: Und Bruce, was hat Sie dazu bewogen?

Bruce Springsteen: Die Idee zum Podcast kam ursprünglich von Barack. Erst dachte ich mir, er hat einen Fehler gemacht, als er mich anrief. Ich bin in New Jersey zur Highschool gegangen und verdiene mein Geld mit Gitarre spielen. Ich dachte, der Präsident hat sich verwählt. (lacht)

"Unglaublich bizarren Lügen ausgeliefert"

tagesthemen: Bruce, Ihre Musik ist möglicherweise das einzige, auf das sich meine amerikanische Frau - eine Demokratin - und mein Trump-wählender, republikanischer Schwiegervater einigen können. Aber Ihr ganzes Leben drehte sich darum, der arbeitenden Bevölkerung Amerikas eine Stimme zu geben. Ihre Titel "Youngstown" oder "The River" handeln genau davon. Bei der Wahl von Donald Trump konnten wir aber beobachten, wie eine breite Masse dieser Wählerschaft der demokratischen Partei den Rücken zugewandt hat. Sie haben sich auch von Ihnen wegen Ihrer politischen Haltung abgewandt. Es gibt einen Country-Hit mit der Zeile: "Bin ich der Einzige, der aufhört zu singen, wenn sie einen Song von Springsteen im Radio bringen?" Wie fühlen Sie sich dabei, was macht das mit Ihnen?

Springsteen: Ich wuchs in einem demokratischen, aber nicht politischen Haushalt auf. Die einzige politische Frage, die ich als Kind einmal meinen Eltern stellte, war, als ich von der Schule heimkam und wissen wollte, ob wir Demokraten oder Republikaner sind. Meine Mutter antwortete, dass wir Demokraten seien, weil die für die Arbeiter sind. Und das war es auch schon mit der politischen Debatte in meiner Familie. Aber das hat mich mein ganzes Leben begleitet.

Leider ist es in den USA inzwischen so weit gekommen, dass wir unglaublich bizarren Verschwörungstheorien und Lügen ausgeliefert sind. Diese gesellschaftliche Spaltung des Landes ist unheimlich erschreckend.

"Das Gefühl, Boden zu verlieren"

Obama: Was ich aber noch sagen wollte: Es gibt eine Menge Leute, die zur Arbeiterklasse gehören und trotzdem Bruce Springsteen hören. Was ich glaube - und Bruce hat es gerade gesagt - das gibt es ja nicht nur in den USA, sondern in ganz Europa. Es zeigte sich am Brexit oder auch bei den jüngsten Wahlen in Deutschland: Die weiße Bevölkerung, und hier speziell die weiße Arbeiterklasse, hat das Gefühl, Boden zu verlieren. Einige ihrer Sorgen und Nöte sind berechtigt. Das hat mit der Globalisierung zu tun, mit dem Schrumpfen der verarbeitenden Industrie und mit der schwindenden Kraft von Gewerkschaften in den USA.

Aber was ich in meiner Politik immer zu vermitteln versuche und Bruce genauso in seiner Musik, ist zu verstehen, dass wir eben alle diese Wut und diesen Groll in uns tragen, dass wir andere Menschen misstrauisch betrachten, weil sie vielleicht nicht so aussehen wie wir oder anders beten. Aber wir haben auch gute Absichten in uns. Und dieselben Menschen, die vielleicht gerade von Verschwörungstheorien begeistert sind oder mit einem Haufen Unsinn gefüttert werden, sind auch Menschen, die ihre Familien lieben, die hart arbeiten, die verantwortungsbewusst sind und sich um künftige Generationen sorgen. Die Frage ist also: Wie finden wir wieder zusammen?

"Es ist nicht immer alles nur schwarz und weiß"

tagesthemen: Und doch bleiben drängende Probleme wie Rassismus in Ihrem Land. Bruce, Sie singen seit langem darüber, wie beispielsweise in "My Hometown". Sie, Herr Präsident, haben das in Ihrer Kindheit erlebt. Haben die Ermordung von George Floyd und die "Black Lives Matter"-Bewegung eine Kehrtwende herbeigeführt?

Springsteen: Ich habe einen jungen Sohn, 30 Jahre alt. Er ging auch auf die Straße während den "Black Lives Matter"-Demonstrationen nach der Ermordung von Geoge Floyd. Wenn wir unsere Rassenverhältnisse heute anschauen, dann stehen wir heute viel besser da als 1950 oder 1960. (Dinge haben sich geändert. Aber die Dinge ändern sich langsam, viel zu langsam. Und wir machen immer einen Schritt nach vorne und ein paar Schritte zurück. Aber was die Diskriminierung angeht, so sind wir ein viel gerechteres Land geworden als noch vor 20, 30 oder 40 Jahren.

Obama: Ich will Ihre Frage schnell beantworten. Ich glaube nicht, dass George Floyd ein Wendepunkt in dem Sinne war, dass plötzlich alle Rassenunterschiede und die Diskriminierung in diesem Land beseitigt wurden. Genauso wenig wie meine Wahl ein Wendepunkt war.

tagesthemen: Eine letzte Frage. Herr Präsident, Sie haben einmal gesagt: Der Bogen der Geschichte biege sich in Richtung Gerechtigkeit. Fortschritt entstehe nicht linear, sondern im Zickzack. Geht es gerade eher Richtung Zick oder Zack?

Obama: Es ging ziemlich lange in Richtung Zack, aber ich glaube, wir sind bereit für Zick. (lacht)

Springsteen: Auf alle Fälle! Ich wollte nur noch anmerken, dass es auch einen Country-Song gibt, der "Springsteen" heißt. Es ist nicht immer alles nur schwarz und weiß.

Das Interview führte Ingo Zamperoni. Es wurde übersetzt, gekürzt und für die schriftliche Fassung redigiert. Die Videofassung mit Übersetzung finden Sie auf dieser Seite, die Langfassung mit Übersetzung und im Original in der ARD-Mediathek.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. Oktober 2021 um 22:45 Uhr.