Unweit des Kongresszentrums in der US-Stadt Baltimore steht ein Schild mit der Aufschrift "Impfungen" (Archivbild). | dpa

Coronavirus in den USA Aus Angst oder Druck zur Impfung?

Stand: 03.08.2021 04:09 Uhr

Ob aus Angst oder Druck: In den vergangenen Tagen haben sich wieder deutlich mehr Amerikaner impfen lassen. Aber Entwarnung gibt die US-Seuchenbehörde CDC noch lange nicht. Im Gegenteil: Denn gleichzeitig steigen die Infektionszahlen weiter rasant.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Steve Scalise, zweit-ranghöchster Republikaner im Repräsentantenhaus, war monatelang bekennender Impfskeptiker. Aber vor gut 10 Tagen ließ sich der Politiker aus Louisiana dann doch noch seinen ersten Schuss verpassen: Aus Angst vor Delta. "95 Prozent der Covid-Patienten in den Krankenhäusern sind nicht geimpft. Und deshalb schien es mir jetzt eine gute Zeit für die Impfung zu sein."

Julia Kastein ARD-Studio Washington

So wie Scalise sehen es momentan wieder deutlich mehr Amerikaner: Nach langer Flaute steigt die Zahl der Impfwilligen wieder deutlich. In den vergangenen sieben Tagen hätten drei Millionen Amerikaner ihren ersten Schuss bekommen - so viele, wie seit Anfang Juli nicht mehr, so Jeffrey Zients, Corona-Koordinator des Weißen Hauses.

Meilenstein mit einem Monat Verspätung

Mit fast einem Monat Verspätung konnten die USA jetzt wichtigen Meilenstein erreichen: 70 Prozent der erwachsenen Amerikaner sind nun wenigstens einmal geimpft. Diese Marke wollte Präsident Biden eigentlich schon am 4. Juli passieren. Und damit ist auch schon Schluss mit den guten Neuigkeiten.

Denn die Zahl der Infektionen und Erkrankungen in den USA steigt rasant: Allein in Florida werden über 10.000 Corona-Patienten in Krankenhäusern behandelt - ein neuer Rekord. Frustrierend sei das, sagt Rochelle Walensky, die Chefin der obersten US-Seuchenbehörde CDC. "Wir wären so gerne fertig mit dieser Pandemie. Aber Covid 19 ist noch nicht fertig mit uns."

Impfdurchbrüche selten, aber kommen vor

Die Delta-Variante ist laut CDC-Chefin mindestens doppelt so ansteckend wie das ursprüngliche Virus, Infizierte haben eine deutliche höhere Virenlast - und das gilt auch für Geimpfte, die sich anstecken. Zwar betont Walensky - wie alle Gesundheits-Experten der Biden-Regierung - bei jeder Gelegenheit, dass sogenannte Impfdurchbrüche relativ selten sind.

Aber sie kommen vor: Bei einem Ausbruch in Provincetown auf der Halbinsel Cape Cod Anfang Juli waren dreiviertel der Infizierten voll geimpft. Und deshalb empfiehlt die CDC inzwischen für alle Regionen mit erhöhten Fallzahlen - und das sind inzwischen rund 60 Prozent der Landkreise - wieder Maskentragen in Innenräumen; egal ob geimpft oder nicht.

Bleibt eine "Pandemie der Ungeimpften"

Trotzdem, sagt Walensky: "Das bleibt eine Pandemie der Ungeimpften, die überwältigend größte Verbreitung ist bei den Menschen, die nicht geimpft sind. Dort wo es mehr Geimpfte gibt, gibt es auch weniger Fälle." Für die Biden-Regierung sind die Impfdurchbrüche ein Problem: Sind die Impfstoffe doch nicht so effizient? Und warum Impfen lassen, wenn man kaum Vorteile hat, wieder Maske tragen soll - und sich trotzdem anstecken kann?

Amerikas Top-Virologe Anthony Fauci beantwortet solche Zweifel mit vielen Zahlen: "Bis zum 26. Juli hat die CDC 6587 Berichte über Impfdurchbrüche bekommen, die im Krankenhaus oder mit dem Tode endeten. Von 163 Millionen voll geimpften Menschen. Das ist ein Prozentsatz von 0,01 Prozent oder weniger."

Druck auf Ungeimpfte

Auf die noch nicht geimpften Amerikaner wächst der Druck: Krankenhausgesellschaften, Universitäten, Disney, Google, Walmart und andere haben schon eine Impfpflicht eingeführt. Angestellte der Bundesregierung müssen künftig ihren Impfstatus offenlegen - wer nicht geimpft ist, muss sich testen lassen, Maske tragen und Abstand halten.

Besonders hoch ist die Impfskepsis nach wie vor unter konservativen Männern. Vielleicht werden sie von Vorbildern überzeugt: Am Wochenende ist der republikanische Senator und Trump-Vertraute Lindsey Graham an Covid erkrankt. Es sei nur wie eine milde Grippe, erklärte er. Und: Wenn er nicht geimpft wäre, dann wären die Symptome wohl viel schlimmer.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. August 2021 um 06:01 Uhr.

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Moderation 03.08.2021 • 21:01 Uhr

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