Eine Corona-Impfung in einem Supermarkt in Marin County nördlich von San Francisco (Archivbild). | AFP

Coronavirus in den USA Das amerikanische Impf-Vorbild

Stand: 03.12.2021 04:17 Uhr

Bis vor wenigen Jahren galt der Bezirk Marin County nördlich von San Francisco als Hochburg der Impfgegner in Kalifornien. Inzwischen sind fast 92 Prozent der Bevölkerung ab 12 Jahren vollständig geimpft. WIe kam es zu dem Sinneswandel?

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Seit drei Wochen werden in Kalifornien auch Kinder zwischen fünf und elf Jahren geimpft. Diese Woche habe man in Marin County die 60 Prozent Marke übersprungen, erzählt Doktor Matt Willis, der das Gesundheitsamt des Bezirks leitet.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Als der Internist den Job 2013 übernommen hat, galt die sehr vermögende Region mit knapp 300.000 Einwohnern als Hochburg der Impfgegner in Kalifornien. Die Impfrate von Kindern lag damals weiter unter dem Bundes-Durchschnitt.

Die Auseinandersetzung wurde damals sehr dynamisch geführt. Wir haben die Gründe kennengelernt, weshalb viele Eltern ihre Kinder nicht immunisieren wollten. Wir konnte dadurch unsere Strategie verbessern. Diese Leitplanken haben uns auch beim Ausbruch der Pandemie geholfen.

Besonders Eltern mit hohem Bildungsgrad stemmten sich vor sechs Jahren dagegen, ihre Kinder gegen Masern, Polio oder Keuchhusten impfen zu lassen, erzählt Willis.

Nicht nur ein einziges Argument gegen die Impfungen

Sein Gesundheitsamt habe aber damals lernen müssen, dass es den einen Impfgegner nicht gibt. Sondern, dass diese viele verschiedene, zum Teil sehr unterschiedliche Gründe anführten, um ihre Kinder nicht immunisieren zu lassen. 

Für uns im Gesundheitsamt war das eine Lernstunde. Wir merkten, wir müssen mehr liefern, als nur über die Sicherheit und Wirksamkeit der Vakzine zu sprechen. Es ging darum, Vertrauen zu schaffen. Dieses Ziel haben wir erreicht, in dem wir weniger gesprochen und vielmehr den Skeptikern zugehört haben.

Geholfen habe damals auch eine Befragung unter 5000 Eltern. Die habe wertvolle Daten geliefert. Wichtig sei es gewesen, die Botschaft auf die jeweilige Bevölkerungsgruppe abzustimmen. Und nicht nur das: Um Vertrauen zu gewinnen, haben Willis und sein Team damals sogenannte Botschafter rekrutiert.

Zum Beispiel Kirchenleute, die hohes Ansehen in ihrer jeweiligen Gemeinde genießen. Oder Haus- und Kinderärzte, die in Einzelgesprächen auf die Ängste der jeweiligen Person eingehen konnten.

"Menschen entscheiden nicht mit dem Kopf sondern mit dem Herz"

Das Gesundheitsamt in Marin County geht seit Monaten vor allem dort hin, wo die Menschen sind. Willis hat vor Einkaufszentren, Kirchen oder Sportstätten dutzende kleine Zelte mit mobilen Impfteams eingerichtet. Impfen ohne Voranmeldung, ohne Bürokratie oder Zeigefinger und lange Belehrung. Seinen Kolleginnen und Kollegen in den deutschen Gesundheitsämtern rät der Mediziner, nicht bloß über die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu sprechen.

Die Menschen würden nicht mit dem Kopf entscheiden, sondern mit dem Herzen. So habe sein Gesundheitsamt in den vergangenen Monaten immer wieder Familien ein öffentliches Forum gegeben und die Medien zur Berichterstattung eingeladen.

Da war zum Beispiel ein Junge mit Leukämie, der nicht geimpft werden konnte. Er hat öffentlich über das Risiko durch andere Familien gesprochen, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen und damit sein Leben gefähren. Das war ein Botschafter, der viel effektiver ist, als ich es sein kann.

Im Moment freue er sich über die niedrige Inzidenz von acht und die geringe Belegung der Intensivstationen, sagt Willis. Öffentliche Gesundheit sei dann erfolgreich, wenn keine schlechten Ereignisse eintreten, wenn nichts passiert. Viele Menschen nähmen das noch immer als selbstverständlich hin.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 03. Dezember 2021 um 11:55 Uhr.