Ärzte intubieren einen Corona-Patienten auf einer Intensivstation in Lake Charles, Lousiana, USA | AFP

Impfgegner in den USA Auf der Intensivstation geläutert

Stand: 13.08.2021 08:54 Uhr

Steigende Corona-Fallzahlen füllen in den USA wieder die Krankenhäuser - vor allem mit Ungeimpften. Viele von ihnen bereuen nun ihre Skepsis.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Regelmäßig begrüßte Dick Farrell seine Hörer am Mikrofon. Der Radio-Talk-Show-Host aus Florida und ultra-konservative Trump-Fan polemisierte monatelang in den Sozialen Netzwerken gegen die Corona-Impfung: Sie sei ein Schwindel und Amerikas Top-Virologe Anthony Fauci ein machtgeiler Lügner. Warum solle man sich impfen lassen, wenn man doch trotzdem krank werden könne?

Anfang August starb der ungeimpfte Farrell an Covid. Und seine Freundin Amy Leigh Har erzählt im Lokalfernsehen, was er ihr auf dem Totenbett noch sagte: "'Diese Pandemie ist kein Witz', hat er gesagt. 'Ich wünschte, ich hätte mich impfen lassen.'"

Ein weiterer rechter Talk-Show-Host, Phil Valentine aus Tennessee, machte noch im Juni mit einer Beatles-Parodie Stimmung: Aus dem "Tax-Man" machte er den bösen "Vax-Man", sprich den bösen Impf-Arzt. Dann wurde Valentine krank, überlebte knapp. Und ließ seinen Bruder Mark per Facebook folgende Botschaft verbreiten: "Wir wollen das so vielen Leuten wie möglich sagen: Lasst die Politik beiseite und lasst Euch impfen."

"Informiert Euch!"

Geschichten von geläuterten Impfskeptikern haben in den US-Medien gerade Hochkonjunktur. Bei CNN erzählt Mindy Greene aus Utah, dass sie ihre sechsköpfige Familie nicht habe impfen lassen - jetzt liege ihr Mann seit Wochen auf der Intensivstation, mit Löchern in der Lunge: "Wir gehören noch zu den Glücklichen - weil mein Mann noch lebt." Und auch Mindy fleht ihre Landsleute an, sich impfen zu lassen: "Informiert Euch über die Fakten. Aber ihr könnt keine gute Entscheidung auf Basis von Angst und Lügen treffen."

Für viele Amerikaner kommt die Botschaft zu spät. In mehreren Südstaaten, dort wo die Impfbereitschaft besonders niedrig ist, sind die Krankenhäuser wieder so überlastet wie zu Beginn der Pandemie. In Jackson, Mississippi, beispielsweise warnt der Vize-Chef der Uni-Kliniken, Alan Jones: "Wenn es in den nächsten fünf bis sieben Tagen so weitergeht, dann wird das Krankenhaussystem in Mississippi kollabieren. Es ist alles voll."

In der Tiefgarage seiner Klinik wurde deshalb jetzt eine Notstation mit 50 Betten aufgebaut. Und der Gouverneur von Mississippi hat die USNS Comfort angefordert - das Militär-Schiff, das zu Beginn der Pandemie in New York eingesetzt worden war.

Floridas Gouverneur setzt auf Regeneron

Auch in Louisiana, Texas und in Florida ist die Situation so dramatisch wie seit Beginn der Pandemie nicht mehr. In Florida fehlt es vor allem an Ärzten und Pflegern. Auch dort sind die allermeisten Corona-Patienten in Krankenhäusern nicht geimpft. Floridas republikanischer Gouverneur Ron De Santis hatte sämtliche Corona-Schutzmaßnahmen abgeschafft. Jetzt setzt er statt auf Impfapelle ganz auf ein Arzneimittel: Regeneron - das Anti-Körper-Medikament, mit dem vergangenes Jahr auch Ex-Präsident Trump behandelt wurde. "Das ist effektivste Behandlungsmethode für Infizierte", sagt er. "Wenn man es früh und  richtig einsetzt, reduziert es die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus behandelt zu werden, um 70 Prozent."

Mit einer mobilen Einheit werde das Medikament jetzt im ganzen Bundesstaat verteilt, versprach der Republikaner, ohne Details zu nennen. Die 14-jährige Marionna Baker aus Missouri schafft es vielleicht auch ohne Regeneron. Auch sie wollte sich nicht impfen lassen. Vom Krankenhausbett ruft sie jetzt dazu auf: "Holt Euch Eure Impfung ab, damit Ihr nicht im Krankenhaus landet und weiter atmen könnt."

Anm. d. Red.: Der eingangs des Beitrags erwähnte Talk-Show-Host Phil Valentine ist mittlerweile ebenfalls an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. August 2021 um 06:40 Uhr.