Eine Mutter hilft ihrer Tochter bei den Schulaufgaben vor einem PC. | AP

Projekt aus New York Urschrei-Hotline für gestresste Mütter

Stand: 08.03.2021 04:30 Uhr

Homeoffice, Haushalt, Kinderbetreuung: Viele Frauen möchten nach einem Jahr Pandemie nur noch schreien. Bei einer Hotline der "New York Times" können sie ihrem Ärger Luft machen.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Blanke Schreie der Verzweiflung - der Ausdruck des nahenden Wahnsinns: "Alles, was ich höre, ist: 'Mom, Mom, Mom, Mom, Moooom!", sagt eine Frauenstimme, dann ist irres Gelächter zu hören. Viele US-amerikanische Mütter können halten den Stress in der Corona-Krise nicht mehr aus: Überall sollen sie sein und helfen in Zeiten von Homeoffice und Homeschooling. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, die die Urschrei-Hotline für Mütter angerufen haben.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

"Ich hab heute schon meine sechste Maschine Wäsche hinter mir. Mein Gott. Ich schaffe das alles nicht mehr. Ich denke jeden Tag, dass ich nicht mehr kann. Und dann schaffe ich es doch. Ich raffe mich auf. Denn was soll ich machen?", klagt eine Frau ihr Leid. Und dann schreit auch sie in den Hörer - so, dass es selbst "New York Times"-Journalistin Jessica Grose erschreckt.

"Ich hätte nicht erwartet, dass so viele Frauen weinen", sagt die. "Mir war klar, welche Probleme viele gerade haben. Aber dass so viele derart am Ende ihrer Kräfte sind, dass sie so verzweifelt sind, das war mir nicht klar."

Kinder, Haushalt, Arbeit - alles landet bei den Frauen

Grose ist eine der Initiatorinnen der Urschrei-Hotline. "Die Idee vom Urschrei ist die, dass du so überladen bist, dass Du in ein Kissen schreien möchtest", erklärt sie. Oder eben in den Hörer.

Viele Anruferinnen hätten nach Monaten in der Heim-Verbannung den Eindruck, für die Mutterschaft nicht geschaffen zu sein, sagt Grose. Frauen, die völlig ausgebrannt sind, weil sich das, was vor einem Jahr begann, inzwischen zum Dauerzustand verfestigt hat. Frauen, die ihren Tag in der Nacht beginnen, um die Dreifachbelastung von Rundum-Kinderbetreuung, Haushalt und Arbeit in 24 Stunden zu schaffen. "Sie sind die Hauptverantwortlichen für zusätzliche Betreuung und Hausarbeit, weil die meisten Kinder in den USA noch immer Homeschooling machen", sagt Grose.

Und weil sich in den reichen USA wie anderswo auch im 21. Jahrhundert nicht viel daran geändert hat, dass selbst Frauen mit Partnern die Hauptlast bei Hausarbeit und Kinderbetreuung tragen. Erst recht in der Pandemie: Vergangenes Jahr haben in den USA fünf Millionen Frauen ihre Jobs verloren. 80 Prozent der offiziell Arbeitssuchenden sind auch zu Beginn dieses Jahres weiblich.

Kaum Entlastung von den Arbeitgebern

Die meisten Arbeitgeber in den USA hätten Müttern im Homeoffice von Beginn der Corona-Krise an zwar flexible Arbeitszeiten angeboten. Aber das wäre es dann auch schon gewesen, sagt Groses Redaktionskollegin Claire Cain Miller, die auch am "Urschrei"-Projekt beteiligt ist.

Wir haben eine Befragung gemacht, und dabei kam heraus, dass drei Viertel der Betroffenen keine weitere Unterstützung von ihrem Arbeitgeber bekamen - etwa keine finanzielle Hilfe für Kinderbetreuung.

Die Hilfeschreie lösten viele Reaktionen aus, auch bei den Partnern der Frauen, sagt Grose: "In einigen Fällen sagten sie, ihnen sei gar nicht klar gewesen, wie viel zusätzliche Last auf den Schultern ihrer Partnerinnen gelandet sei. Und dass sie sich jetzt um mehr Gleichberechtigung bemühen."

Grose ist vorsichtig optimistisch, dass das Urschrei-Projekt vielleicht doch den einen oder anderen weckt. Die Hotline bleibt jedenfalls auch weiter offen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. März 2021 um 12:10 Uhr.