Christoph Heusgen im Gespräch mit dem ARD-Studio New York. | ARD-Studio New York
Interview

UN-Botschafter Heusgen Weg von "Realitäten der Sechzigerjahre"

Stand: 30.06.2021 04:11 Uhr

Der deutsche UN-Botschafter Heusgen scheidet heute aus dem Auswärtigen Dienst. Im ARD-Interview betont er, wie wichtig eine Reform des UN-Sicherheitsrats ist, und sagt: "Wir dürfen uns nicht von China und Russland ins Bockshorn jagen lassen".

ARD: Wir sitzen im Herzen der Vereinten Nationen: im Saal des Sicherheitsrats. Als Sie Deutschland von 2019 bis 2020 in diesem Gremium vertreten haben, haben Sie als Erstes demonstrativ die schweren Vorhänge geöffnet, um Licht herein zu lassen. Hat sich daraus tatsächlich die Transparenz ergeben, die Sie sich erhofft hatten?

Christoph Heusgen: Ich glaube, dass wir in diesen zwei Jahren, in denen wir im Sicherheitsrat waren, durchaus zu etwas Bewegung geführt haben. Wir haben dazu beigetragen, dass die Sitzungen etwas lebhafter werden, dass die Kollegen auch mal ab und zu von ihren vorbereiteten Erklärungen abgehen, frei sprechen, dass es zu einem Dialog kommt. Und das halte ich für ganz, ganz wichtig, dass man nicht nur vorbereitete Zettel abliest, sondern dass man auch wirklich miteinander spricht und gemeinsam um Lösungen ringt. Das ist schon gelungen.

Christoph Heusgen | dpa
Zur Person

Christoph Heusgen war seit 2017 Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen. Zwei Mal leitete er turnusgemäß den UN-Sicherheitsrat: Während der deutschen Mitgliedschaft im Gremium im April 2019 und Juli 2020. Nach 41 Jahren in der internationalen Politik nimmt Heusgen nun Abschied aus dem Auswärtigen Dienst.

ARD: Hat dieser Raum eigentlich noch Relevanz, oder könnten die Gardinen eigentlich gleich ganz zubleiben?

Heusgen: Natürlich hat dieser Raum Relevanz. Wir sehen oft, dass wir bei gewissen Themen - bei Jemen, bei Syrien - nicht wirklich weiterkommen. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht die vielen Blauhelm-Einsätze vergessen, in denen die Vereinten Nationen mit ihren Truppen dafür sorgen, dass Frieden erhalten wird, dass durch die Präsenz von Blauhelmen Stabilität in eine Region kommt. Diese Einsätze werden regelmäßig hier im Sicherheitsrat beschlossen - und das bleibt wichtig.

Christoph Heusgen zieht den Vorhang vor einem Fenster im UN-Hauptgebäude zurück | ARD-Studio New York

Weg mit dem Vorhang: Christoph Heusgen blickt zurück auf seine Zeit als Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen. Bild: ARD-Studio New York

ARD: Und doch verabreden sich Russland und China gelegentlich und blockieren wichtige Resolutionen. Wir denken an Syrien, an die humanitären Grenzübergänge oder die Uiguren - China hat da seine eigenen Interessen. Muss das nicht irgendwann aufhören, damit der Sicherheitsrat nicht komplett irrelevant wird?

Heusgen: Was nicht aufhören darf, ist, dass wir, die wir für internationales humanitäres Recht und die Menschenrechte eintreten, diese Themen immer wieder hier auf die Tagesordnung bringen und dass wir uns da nicht von China und Russland, die dagegenhalten, ins Bockshorn jagen lassen. Wir müssen es auf der Tagesordnung halten, und wir müssen darauf setzen, dass es uns in einer Staatengemeinschaft, die die universellen Menschenrechte vertritt, gelingt, irgendwann auch Russland und China davon zu überzeugen, wieder gemeinsame Sache zu machen.

"Nicht mit der Bundeswehr an allen Konfliktherden"

ARD: Herr Botschafter, wie sehen Sie die deutsche Rolle in der Zukunft? Welche Erwartungen richten sich an Deutschland und was ist Deutschland bereit zu geben?

Heusgen: Die deutsche Rolle ist nicht nur auf den Sicherheitsrat beschränkt. Wir unterstützen die Vereinten Nationen auf einer ganz breiten Basis. Deutschland ist der zweitgrößte Geber zum gesamten UN-System. Die deutsche Rolle wird nicht sein, dass wir uns mit der Bundeswehr an allen Konfliktherden dieser Welt einsetzen, sondern unsere Rolle ist eine sehr viel breitere, weil wir von unserem Ansatz her sehr viel breiter aufgestellt sind. Es gibt keinen Konflikt, den Sie alleine mit militärischen Mitteln lösen können.

ARD: Wenn Deutschland so wichtig ist, sollte es dann einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat haben? Und welche Chancen sehen Sie dafür?

Heusgen: Wir halten seit vielen Jahren den Anspruch aufrecht, dass wir einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat haben wollen. Und das hat natürlich damit zu tun, dass wir der zweitgrößte Geber sind, dass wir uns engagieren in den verschiedensten Bereichen, für die die Vereinten Nationen stehen. Aber es geht um mehr. Es geht darum, dass der Sicherheitsrat in seiner Zusammensetzung die Realitäten der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts widerspiegelt. Der Sicherheitsrat sollte aber in seiner Zusammensetzung das wiedergeben, was sich heute auf der Welt darlegt. Afrika ist mit 54 Staaten nicht durch ein permanentes Mitglied im Sicherheitsrat vertreten. Es geht insgesamt darum, die Zusammensetzung zu reformieren, so dass dieser Sicherheitsrat auch in den Augen der Bevölkerung Glaubwürdigkeit hat, Legitimation hat.

"Eine Solche Freundschaft wird überdauern"

ARD: An der Reform haben Sie sich auch sehr häufig die Zähne ausgebissen in den vergangenen Jahren. Haben Sie trotzdem das Gefühl, da kommt Bewegung rein?

Christoph Heusgen: Wie bei vielen Themen bei den Vereinten Nationen heißt es hier: dicke Bretter bohren. Aufgeben ist deswegen keine Alternative, weil wir an die UN glauben und weil wir immer wieder daran arbeiten müssen, sie zu modernisieren, zu reformieren. Und in diesem Jahr haben wir uns sehr konzentriert auf dieses Thema. Es ist gelungen, kleine Schritte voran zu machen. Es ist gelungen, auch die Blockade von Regionen, von Staaten etwas aufzubrechen. Wir haben zum ersten Mal eine offene Debatte in der Generalversammlung dazu gehabt, wo dann auch die Meinungen aufeinander gestoßen sind. Und das hat schon einiges bewirkt.

ARD: Sie werden sich nach 41 Jahren in der Diplomatie nicht nur aus New York verabschieden, sondern aus dem Auswärtigen Dienst. Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht persönliche Beziehungen, manchmal sogar Freundschaften innerhalb des Sicherheitsrats und überhaupt in der Politik?

Christoph Heusgen: Wissen Sie, das wird Sie vielleicht erstaunen. Aber wir sind hier im Sicherheitsrat sehr, sehr oft aneinandergeraten mit unseren russischen Kollegen. Und wir haben da auch bei jeder Gelegenheit den Eindruck gehabt, dass internationales Recht gebrochen wurde, dass Menschen leiden müssen, auch unter dem, was Russland tut. Beim Beispiel über Syrien haben wir immer sehr, sehr harte Auseinandersetzungen gehabt. Aber darüber hinaus haben wir uns als Botschafter gegenseitig wirklich respektiert. Und wir haben auch eine gewisse Freundschaft entwickelt. Und eine solche Freundschaft wird auch jetzt hier das Ende meiner Zeit in New York überdauern.

ARD: Und was kommt jetzt? Schützenfest in Ihrer Heimatstadt Neuss am Rhein oder was Interessanteres?

Christoph Heusgen: Was Interessanteres als das Schützenfest in Neuss? Gibt es nicht. Nein, ich werde weiter der Politik verbunden bleiben. Ich habe angefangen, an meiner Alma Mater, der Unviersität in St. Gallen in der Schweiz, an der ich promoviert habe, jungen Studierenden über meine Erfahrungen zu berichten und auch die Werte, die Grundüberzeugungen, für die deutsche und europäische Politik steht, zu vermitteln. Dieses Vermitteln macht sehr viel Spaß. Ich bin außerdem Vorsitzender des Stiftungskreises der Münchener Sicherheitskonferenz und werde mich weiter aktiv mit internationaler Politik beschäftigen.

Das Gespräch führten Antje Passenheim und Christiane Meier, ARD-Studio New York.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juni 2021 um 06:45 Uhr.