Trümmer liegen auf einer Straße, verursacht durch eine Wasserflut, die durch starke Regenfälle über Port-au-Prince, Haiti, zwei Tage nachdem der haitianische Präsident Jovenel Moise in seinem Haus ermordet wurde. | dpa

Nach Ermordung des Präsidenten Haiti fordert internationale Truppen an

Stand: 10.07.2021 05:10 Uhr

Ein haitianischer Minister hat nach der Ermordung von Präsident Moïse US- und UN-Truppen angefordert. Die Soldaten sollen strategisch wichtige Orte sichern. Die USA lehnten die Anfrage bereits ab. Derweil gab es drei weitere Festnahmen.

Ein Vertreter der haitianischen Regierung hat US- und UN-Truppen angefordert, um nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse strategisch wichtige Orte sichern zu können. "Während eines Gesprächs mit dem US-Außenminister und den UN haben wir diese Bitte geäußert", sagte der für Wahlangelegenheiten zuständige Minister Mathias Pierre am Freitag der Nachrichtenagentur AFP.

Die Soldaten sollten unter anderem zur Sicherung der Häfen und des Flughafens eingesetzt werden. Die UN äußerten sich zunächst nicht. Die USA lehnten die Anfrage ab. Die Vereinigten Staaten hätten keine Pläne, Haiti "zu diesem Zeitpunkt" militärische Hilfe zu gewähren, sagte ein hochrangiger Beamter der US-Regierung.

Seit dem Mordanschlag auf Haitis Präsidenten Jovenel Moise am Mittwochmorgen ist das Land tiefer in eine politische Krise gefallen, die den wachsenden Hunger, die Bandengewalt und den Ausbruch von Covid-19 verschlimmern könnte.

Drei weitere Festnahmen

Der Mord an Moïse geht nach Angaben der Polizei auf das Konto einer Söldnertruppe aus dem Ausland. Die Nationalpolizei des Karibikstaats meldete am Freitag die Festnahmen dreier weiterer Männer aus Kolumbien. Zuvor hatte sie in der Hauptstadt Port-au-Prince bereits 15 Kolumbianer und zwei US-Amerikaner vorgeführt, die den Anschlag verübt haben sollen. Nach fünf weiteren Kolumbianern wurde noch gefahndet. Drei mutmaßliche Täter seien getötet worden.

Von wem das Mordkommando den Auftrag bekam, blieb unklar. Der 53 Jahre alte Präsident war in der Nacht zum Mittwoch in seiner Residenz überfallen und dann erschossen worden. Moïses Ehefrau Martine wurde dabei schwer verletzt. Inzwischen wird sie in der US-Großstadt Miami behandelt. Der Polizei zufolge bestand das Mordkommando aus insgesamt 28 schwer bewaffneten Männern.

Kolumbiens Verteidigungsminister Diego Molano bestätigte die Beteiligung von Bürgern seines Landes. Nach ersten Informationen handele es sich um ehemalige Soldaten, sagte Molano in einem Video. Die beiden US-Amerikaner gaben nach einem Bericht der "New York Times" an, als Dolmetscher angeheuert worden zu sein. Eigentlicher Plan sei gewesen, Moïse in den Nationalpalast zu bringen - nicht aber, ihn umzubringen.

US-Behörden sollen bei Ermittlungen helfen

Haitis Botschafter in den USA, Bocchit Edmond, zufolge gaben sich die Angreifer als Agenten der US-Drogenbehörde DEA aus. Bei den Ermittlungen sollen künftig auch US-Behörden helfen. Auf Bitten aus Haiti würden hochrangige Beamte der US-Bundespolizei FBI sowie des Heimatschutzministeriums so bald wie möglich in die Hauptstadt Port-au-Prince geschickt, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki.

Das Attentat hinterlässt in dem Karibikstaat ein Machtvakuum. Da eine für Oktober 2019 vorgesehene Parlamentswahl unter anderem wegen heftiger Proteste gegen Moïse ausgefallen war, gibt es dort seit Januar 2020 kein handlungsfähiges Parlament mehr. Moïse regierte seither per Dekret. Bislang sind für den 26. September Präsidenten- und Parlamentswahlen sowie ein Verfassungsreferendum geplant.

Rumpf-Senat wählt Übergangs-Präsidenten

Haitis Senat wählte am Freitag seinen bisherigen Präsidenten Joseph Lambert zum Übergangs-Nachfolger Moïses . "Ich spreche den politischen Institutionen, die mich unterstützen, meine bescheidene Dankbarkeit aus", schrieb Lambert auf Twitter. Er wolle den Weg für einen demokratischen Machtwechsel ebnen.

Allerdings ist der Senat - das Oberhaus des haitianischen Parlaments - seit Januar 2010 nicht mehr beschlussfähig. Es war daher zunächst unklar, ob Lambert tatsächlich das Amt antreten kann. Weil eine für Oktober 2019 vorgesehene Parlamentswahl unter anderem wegen heftiger Proteste gegen Moïse ausgefallen war, gibt es nur noch 10 von 30 Senatoren, deren Amtszeiten nicht abgelaufen sind. Im Unterhaus, der Abgeordnetenkammer, sitzt niemand mehr. Acht der zehn Senatoren stimmten Medienberichten zufolge für Bertrand, zwei enthielten sich.

Zuvor hatten sich am Freitag mehrere politische Akteure in dem Karibikstaat, der sich die Insel Hispaniola mit der spanischsprachigen Dominikanischen Republik teilt, auf Lambert als Interims-Staatschef geeinigt. Das geht aus einem Schreiben hervor, das von Vertretern mehrerer Parteien und Bewegungen unterschrieben wurde - darunter auch der konservativen PHTK, der Moïse angehörte. Es fehlten aber auch Unterschriften einiger wichtiger Kräfte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Juli 2021 um 09:00 Uhr.