Protest gegen Gang-Gewalt in Haiti im Dezember 2020 | AP
Interview

Haitis Präsident ermordet "Opfer des eigenen Kurses"

Stand: 07.07.2021 19:29 Uhr

Die Ermordung von Haitis Präsident Moise ist die Folge eines gewaltsamen Kurses, den er selbst mit angezettelt hat, sagt Katja Maurer von medico international. Haiti stecke tiefer denn je im Chaos, und auch internationales Engagement habe geschadet.

tagesschau24: Was bedeutet die Ermordung des Präsidenten für das Land?

Katja Maurer: Die Situation ist sicherlich aufregend - ich wäre aber sehr vorsichtig, nur das jetzige Chaos zu beschwören, denn das Chaos ist in Haiti schon längst da. Wir bekommen von unseren Partnern, der Menschenrechtsorganisation RNDDH, seit 2018 Berichte über Massaker, die unter der Ägide des Präsidenten zum Teil nachweislich stattgefunden haben. Wir reden von zwölf Massakern in verschiedenen Vierteln. Gerade erst sind Anfang vergangener Woche zwei Journalisten auf offener Straße ermordet worden. Der Angriff gegen Moïse ist auch ein Ergebnis dieser vorher schon in Gang gesetzten Gewaltwelle, von der ich glaube, dass sie größtenteils auch von Moïse selbst mit inszeniert wurde.

"Froh, wenn man den Einkauf überlebt"

tagesschau24: Wie ist denn allgemein die Situation in Haiti?

Maurer: Die Situation ist dramatisch, weil die Leute seit vielen Wochen nicht mehr auf die Straße gehen können. Sie sind froh, wenn sie jeden Einkauf überleben. Die Gangs, die nachweislich von der Regierung losgelassen wurden, um durchzusetzen, dass es eine Verfassungsänderung gibt und Moïse wieder gewählt werden könnte, haben das ganze Leben in der Stadt diktiert. Das hat es noch nie gegeben. Die blieben normalerweise in ihren Vierteln, und jetzt sind sie in die Mittelschichtsviertel vorgedrungen und haben dort Morde sondergleichen begangen.

Gleichzeitig gibt es seit vielen Jahren einen Kampf gegen die Korruption von Haitianerinnen und Haitianern aus der ganzen Welt. Gerade gab es die Nachricht, dass der Gerichtshof beschlossen hat, diese Fälle nicht weiter zu verfolgen. Wenn es um die Zukunft von Haiti geht, dann muss diese Straflosigkeit, die Haiti die letzten Jahre überzieht, einfach beendet werden. Und dann kann es vielleicht Wahlen geben.

"Nicht gelungen, Haiti besser wiederaufzubauen"

tagesschau24: Wo sehen Sie denn Gründe für die Unruhen?

Maurer: Haiti ist das ärmste Land der amerikanischen Hemisphäre. Es hat enorme Gelder nach dem Erdbeben für Haiti gegeben. Wir haben alle versprochen, Haiti besser wieder aufzubauen. Es ist uns aber nicht gelungen. Stattdessen ist Haiti so tief ins Chaos versunken wie noch nie zuvor. Ich muss einfach sagen: Da hat die Arbeit der Internationalen mehr geschadet als genutzt.

Die internationale "Core Group", der auch USA, Deutschland, die EU und die UN angehören, hat bis zum Schluss Moïse unterstützt, was nicht nur meiner Ansicht nach ein großer Fehler war. Wir haben von verschiedenen Hilfswerken versucht, deutlich zu machen, dass man diesen Mann nicht weiter unterstützen darf und dass man für einen Übergang sorgen muss. Dass es jetzt auf so dramatische Weise geschieht, ist natürlich entsetzlich.

Arbeit unter schwierigsten Bedingungen

tagesschau24: Wie können Sie denn als Hilfsorganisationen in Haiti überhaupt arbeiten?

Maurer: Wir arbeiten fast alle mit Partnern, die mit eigenen Leuten vor Ort sind. Ärzte ohne Grenzen mussten aber zum Beispiel ausgerechnet in der Corona-Krise ihr Krankenhaus für eine gewisse Zeit schließen, weil Gang-Gewalt auf der Straße das Arbeiten unmöglich machte. Aber unsere Partnernetzwerke versuchen, unter diesen Bedingungen weiter zu arbeiten. Gerade die Menschenrechtsarbeit ist von extremer Bedeutung. Aber wir haben ja auch Leute, die zu Tausenden in Übergangslagern sind, weil sie ihre Häuser verlassen haben. Unsere Partner vor Ort versuchen, diese Leute zu versorgen.

Hoffnung auf ein Ende der Gewalt

tagesschau24: Hat das Land denn politische Unterstützung von außen, um die schwierige Situation zu meistern?

Maurer: Wir haben uns alle sehr stark in Haiti eingemischt, und ich würde mir wünschen, dass es jetzt eine Unterstützung gibt für einen demokratischen Übergangsprozess, dem wir auch Zeit geben. Es wird ohne ausländische finanzielle Unterstützung nicht gehen. Aber wir können diesen Prozess nicht bevormunden. Deshalb wird es nötig sein, die Haitianerinnen und Haitianer zu unterstützen. Es gibt eine breite Bewegung, die aber über die vergangenen zwei Jahre durch die enorme Gewalt auf der Straße, die unter Moïse auch nachweislich gezielt geschürt wurde, einfach still gestellt wurde. Jetzt kann man natürlich hoffen, dass es irgendeine Möglichkeit gibt, diese Gangs wieder unter Kontrolle zu bringen.

tagesschau24: Können Sie sich vorstellen, wer ein Interesse an der Ermordung von Moïse haben könnte?

Maurer: Wir haben uns, ehrlich gesagt, gewundert, dass es nicht schon längst passiert ist. Moïse war einfach derjenige, der jede andere Möglichkeit verhindert hat. Mein Gefühl ist, dass er auf dem Weg war, eine Art Duvalier-Diktatur zu errichten - das war der alte, große bekannte Diktator Haitis. Und das stand jetzt wieder an - mit Unterstützung der Gang-Gewalt. Es gibt wenig Zweifel daran, dass das der Fall war. Und ich befürchte, jetzt ist er Opfer dieses Kurses geworden.

Das Gespräch führte Kirsten Gerhardt für tagesschau24. Für die schriftliche Form wurde das Interview leicht angepasst.

Über dieses Thema berichtete am 07. Juli 2021 tagesschau24 um 14:00 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.