Patienten im OFATMA-Krankenhaus in Les Cayes (Haiti) | REUTERS

Erdbeben-Hilfe in Haiti Aus den Fehlern gelernt?

Stand: 28.08.2021 03:13 Uhr

Das Erdbeben in Haiti vor zwei Wochen hat Erinnerungen geweckt an das schwere Beben von 2010. Damals gab es viel Kritik an den internationalen Hilfsorganisationen. Diesmal scheinen die Probleme vor allem beim Staat zu liegen.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

Ein Hubschrauber der UN landet in Les Cayes, einer Stadt im Südwesten des Landes, die durch das Erdbeben besonders getroffen wurde. Sicherheitskräfte der Polizei haben sich vor dem Eingang des Flughafens postiert, Dutzende Menschen stehen gedrängt vor dem Zaun. Seit dem Beben ist bislang keine Hilfe bei ihnen angekommen.

Anne Demmer

Ein Mann ruft verzweifelt: "Eins meiner zwei Kinder ist bei dem Beben ums Leben gekommen und das andere ist verletzt. Ich habe kein Haus mehr. Meinen Vater habe ich auch verloren. Ich brauche Hilfe. Wir brauchen eine Notunterkunft, wo wir schlafen können!" Derzeit schlafen sie einfach nur unter einem Mangobaum, waren dem Wirbelsturm Grace, dem starken Regen schutzlos ausgeliefert, wie er erzählt.

Einige von den Männern und Frauen vor dem Zaun kommen aus Maniche, einem Ort, der rund 20 Kilometer von Les Cayes entfernt liegt. 95 Prozent der Gebäude dort sind nur noch Trümmerhaufen. Die Wut ist groß, die Menschen fühlen sich vergessen.

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Erdbeben in Haiti

Internationale Hilfe lief schleppend an

Nach dem schweren Erdbeben der Stärke 7,2 war die internationale Hilfe nur langsam angelaufen. Für die Hilfskräfte ist es schwer, überhaupt in das Katastrophengebiet vorzudringen. Hilfskräfte müssen damit rechnen, dass ihre Konvois von Bedürftigen geplündert werden. Zudem blockieren kriminelle Banden immer wieder eine wichtige Zufahrtsstraße aus Port-au-Prince.

In der vergangenen Woche handelten die Banden mit der Übergangsregierung einen "Waffenstillstand" aus. Doch dieses Abkommen hielt nicht lange an. Hilfsgüter werden deshalb teils per Hubschrauber transportiert, um sicher in der Krisenregion anzukommen.

Sibille Buehlmann arbeitet für die Hilfsorganisation Handicap International. Ihr Team hat sich trotz der Risiken für den Landweg entschieden, um mehr transportieren können. "Es war ein komisches Gefühl, weil man einen Straßenabschnitt entlang fährt, der nicht wahnsinnig lang ist - vielleicht 500 Meter -, der aber eine komplette Geisterstadt ist." Sie hätten zertrümmerte Häuser und Einschusslöcher gesehen. Niemand sei auf der Straße gewesen. "Als wir dann zwischendurch mal anhalten mussten, da fühlte man sich wie auf Nadeln, weil man nicht so genau weiß, was geschieht jetzt vor einem."

Schlechte medizinische Versorgung

Die Organisation Handicap International kümmert sich mit ihren lokalen Partnern um orthopädische Nachbehandlungen, vor allem aber auch um die akute Wundversorgung. Viele Verletzte haben auch Tage nach dem Erdbeben keine adäquate Behandlung bekommen. Für manche ist es zu spät: Beine, die schwer verletzt wurden, müssen amputiert werden.

Die meisten Gesundheitszentren in der Region sind beschädigt. Eine mobile Krankenstation, die von ehrenamtlichen haitianischen Mitarbeitern betrieben wird, versuchte gerade in den ersten Tagen, die Menschen so gut es geht zu versorgen.

Phogeas Junior arbeitet für die haitianische Nichtregierungsorganisation PWOP. Er ist umringt von Menschen mit schweren Verletzungen. Sein Team könne nur einen sehr geringen Anteil der Menschen versorgen. "Wir brauchen hier wirklich Hilfe. Wir brauchen internationale Unterstützung", sagt er.

2010 massive Kritik an internationalen Helfern

Doch gerade nach dem Erdbeben von 2010, bei dem mehr als 200.000 Menschen ums Leben kamen, standen internationale Hilfsorganisationen massiv in der Kritik. Das Geld sei nicht den Menschen zugute gekommen. Nahrungsmittel wurden teils teuer eingeflogen, statt sie lokal zu kaufen.

Viele der Aufträge seien damals an Firmen in den USA und in anderen Gebernationen vergeben worden, erklärt Günter Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Also eigentlich eine Rückführung der Gelder an die Herkunftsländer und an die Gebernationen. Zum zweiten wurde reklamiert, dass im großen Umfang die Tätigkeit der Nichtregierungsorganisationen vor Ort einfach viel zu teuer war", so Maihold.

Sie seien mit eigenem, vergleichsweise hochbezahltem Personal dort gewesen, ohne in der Lage und möglicherweise Willens zu sein, lokales Personal einzustellen. Doch viel Geld sei auch in die korrupten Strukturen der damaligen Regierung geflossen, so laute ein weiterer Vorwurf, erklärt Maihold.

Hilfe von der Regierung bleibt aus

Die Bürgermeisterin von Les Cayes, Marie Michel Sylvie Rameau, befürchtet, dass sich genau das wiederholen wird. Mehr als 130.000 Wohnungen seien in der Region beschädigt oder komplett zerstört worden. Die Stromversorgung, die Verbindungswege, die Telekommunikation und vor allem das Wassersystem seien unterbrochen, beklagt die Bürgermeisterin.

Wir haben bislang kein Geld von der Regierung bekommen. Wir haben kein Geld für Nahrungsmittel. Die Menschen helfen sich gerade untereinander. Wenn jemand ein Auto hat und ein Freund braucht eins, dann leiht man es ihm. Auch die Nichtregierungsorganisationen helfen, aber die Hilfe von der Regierung bleibt aus.

Politische Dauerkrise

Der haitianische Staat steckt seit Jahren in einer politischen Krise, erst vor wenigen Wochen wurde der Präsident ermordet. Eine Übergangsregierung muss sich nun um die Folgen des Erdbebens kümmern. Seit dem Wirbelsturm Matthew im Jahr 2016 gibt es immerhin Änderungen im Prozedere.

Damit internationale Organisationen überhaupt im Land tätig werden können, müssen sie eine entsprechende Genehmigung im Gesundheitsministerium einholen und einen konkreten Arbeitsplan vorlegen, sagt Sibille Buehlmann von Handicap International. "Das ist eigentlich ganz gut so und sollte auch so sein. Das ist etwas, das wir 2010 überhaupt nicht hatten nach dem Erdbeben." Daran sehe man, dass der Staat schon versuche, die Koordination zwischen internationalen und nationalen Organisationen besser zu regeln.

Helfer mit viel Bürokratie konfrontiert

Auch das International Search and Rescue Team - kurz ISAR -, ein Zusammenschluss von ehrenamtlichen Rettungsspezialisten aus Deutschland, musste bei den haitianischen Behörden diverse Male vorstellig werden, um bei der medizinischen Versorgung das Land unterstützen zu können, sagt der Sprecher Philipp Buhlmann.

"Sonntag sind wir hier in Point Sable gelandet, auf der größeren der beiden Inseln Les Caymites. Es war ein ziemlich langer Weg. Das war mit viel Bürokratie verbunden, mit sehr vielen politischen Gesprächen, die wir mit Ministerien geführt haben, die wir mit dem Zivilschutz und dem Katastrophenschutzstab geführt haben."

Vor Ort befinde sich nur eine Krankenschwester, die für mehr als 16.000 Bewohner verantwortlich sei. Seit Jahren hätten die Inselbewohner keinen Arzt gesehen, berichtet der ehrenamtliche ISAR-Mitarbeiter.

Weitere Katastrophen drohen jederzeit

Für den haitianischen Filmemacher und Aktivisten Arnold Antonin lief die internationale Hilfe dennoch viel zu langsam an. "Es müssen permanente Strukturen eingerichtet werden. Die bürokratischen Hürden dürfen nicht zu groß sein, schließlich ist Haiti ein Land, in dem es permanent zu Naturkatastrophen kommen kann. Die Verteilung der Hilfsgüter muss in dieser Notlage schnell gehen." Die Zivilschutzbehörde müsse deshalb finanziell noch besser ausgerüstet werden.