Eine junge Frau wird in einer mobilen Krankenstation behandelt.

Haiti nach dem Erdbeben Kein Wasser, kein Strom, kaum Hilfe

Stand: 22.08.2021 12:38 Uhr

Die Zahl der Todesopfer nach dem Erdbeben in Haiti ist auf über 2200 gestiegen. Tausende Menschen benötigen medizinische Hilfe. NGOs bemühen sich, zumindest eine Grundversorgung zu ermöglichen.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt, zzt. Marceline

Menschen drängen sich vor einer blauen Plastikplane. Sie dient als Sichtschutz. Dahinter sitzt eine Frau auf einem Plastikstuhl, ein Arzt nimmt ihr gerade den Blutdruck. Es ist eine mobile Krankenstation, die in Marceline Halt gemacht hat, ein kleiner Ort, der besonders stark vom Erdbeben getroffen wurde. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Anne Demmer

Ein Mann hält sich seinen Kopf, als wolle er sich so vor dem Lärm um ihn herum schützen:

Ich habe von der mobilen Klinik gehört und bin hierhergekommen. Ich brauche Medikamente. Aber hier sind so viele Menschen. Ich habe alles verloren, mein Haus ist eingestürzt. Ich habe noch nicht mal eine Plastikplane, um mich vor dem Regen zu schützen. Wir haben kein Wasser. Gestern sind hier zwar Transporter vorbeigekommen, sie haben Wasserflaschen verteilt. Aber da muss man schnell sein.

Er bricht das Gespräch ab, humpelt weiter, scheint sein Bein nicht belasten zu können. Er drückt sich durch die Menge.

Potenzielle Patienten umringen den Koordinator der mobilen Krankenstation. Sie wollen auf die Liste aufgenommen werden, schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Phogeas Junior arbeitet für die haitianische Nichtregierungsorganisation PWOP. Er notiert geduldig ihre Namen.

Wir behandeln hier die Menschen, weil viele der Krankenhäuser in der Region zerstört oder beschädigt wurden. Schon vor dem Erdbeben war die medizinische Versorgung unzureichend und jetzt in dieser Situation noch viel weniger. Aber wir haben nicht die Kapazitäten, um alle Menschen zu versorgen.

Es fehle an Medikamenten, vor allen Dingen an Schmerzmitteln, so Phogeas Junior. Das Team könne an diesem Tag nur maximal 50 Menschen behandeln. Es seien allerdings um die 200, die bereits seit Stunden warten, um eine medizinische Versorgung zu bekommen.

Der Koordinator der mobilen Krankstation.

Der Koordinator der mobilen Krankstation.klagt darüber, dass nicht alle Menschen versorgt werden können.

Die Sonne brennt auf die wartenden Menschen herunter. Sie kommen mit gebrochenen Beinen, tiefen Schürfwunden im Gesicht, schweren Kopfverletzungen, weil die Decke über ihnen eingestürzt ist, sie sich gerade so retten konnten. Es kommen Eltern, die sich Sorgen machen, weil ihr Sohn nach dem Erdbeben die Sprache verloren hat, berichtet der NGO-Mitarbeiter.

Die mobile Krankenstation ist mit einem rund 15-köpfigen Team in der ganzen Region unterwegs. Mit dem Wagen fahren sie von Ort zu Ort, über Straßen, die kaum noch befahrbar sind. Das Beben hat tiefe Furchen hinterlassen.

Internationale Hilfe langsam angelaufen

Viele Häuser in Marceline sind komplett eingestürzt. Es gibt kein Wasser, es gibt keine Nahrungsmittel, keinen Strom. Die Regierung kümmere sich nicht, ist immer wieder zu hören. Auch die internationale Hilfe kam zunächst nur langsam in Fahrt. Es sind Freunde, Nachbarn und Initiativen wie die mobile Krankenstation, die in diesen Tagen den Menschen helfen. Vor ein paar Tagen sollen verzweifelte Betroffene einen der wenigen Hilfskonvois geplündert haben, heißt es in den Nachrichten.

Menschen stehen auf den Trümmern ihrer durch das Erdbeben zerstörten Häuser in Haiti.

Menschen stehen auf den Trümmern ihrer durch das Erdbeben zerstörten Häuser in Haiti.

Auch die Stimmung vor der mobilen Krankenstation könnte kippen, glaubt ein Mann, der auf die Medikamente hofft:

Ich habe Angst, dass es hier noch zu einer Schlägerei kommt. Ich will nicht noch mehr verletzt werden. Ich gehe lieber wieder nach Hause.

Doch sein zu Hause ist nur noch ein Schutthaufen.

Über dieses Thema berichteten am 22. August 2021 BR24 um 12:09 Uhr und Deutschlandfunk Kultur um 12:18 Uhr.