Ein Mann überquert eine verbarrikadierte Straße in Port-au-Prince, Haiti. | AP

Bandenkrieg in Haiti "Massaker beispielloser Grausamkeit"

Stand: 11.05.2022 19:29 Uhr

Bei Bandenkämpfen in Haiti sind zwischen Ende April und Anfang Mai 148 Menschen getötet worden. Menschenrechtler sprechen von einem "Massaker beispielloser Grausamkeit". Ihr Bericht listet schwerste Verbrechen auf.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Auch rund ein Jahr nach der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moise dominieren kriminelle Banden das Leben der Haitianerinnen und Haitianer. So werden Menschen etwa Reifen um den Hals gelegt und dann bei lebendigem Leib verbrannt. Davon berichtet das haitianische Nationale Netzwerk zur Verteidigung der Menschenrechte (RNDDH) in seinem jüngsten Report.

Anne Demmer

Die Menschenrechtsorganisation spricht von einem "Massaker beispielloser Grausamkeit". Mädchen und Frauen seien vor ihrer Ermordung vergewaltigt worden. Zwischen Ende April und Anfang Mai seien mindestens 148 Menschen getötet worden, darunter auch sieben Mitglieder der Gang "Chen Mechan", die von ihrem eigenen Anführer umgebracht wurden.

Die Gangs kämpfen um ihre Vormachtstellung in den Vierteln und damit auch um ihre Einnahmen aus Schutzgeldern, die sie von der lokalen Bevölkerung, Händlern, Transportunternehmen, Bus- und Taxifahrern einfordern, so der Report.

Tausende Menschen fliehen

Nach Angaben der internationalen Organisation für Migration der Vereinten Nationen sind 9000 Menschen vor den aktuellen Kämpfen zwischen den rivalisierenden Banden "400 Mawozo" und "Chen Mechan" aus ihren Vierteln in Croix-des-Bouquets und Tabarre y Cité Soleil im Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince geflüchtet.

Einige der Familien seien mittlerweile in ihre Häuser zurückgekehrt, wie das Menschrechtsnetzwerk berichtet. Allerdings gebe es dafür keine sichere Grundlage, denn die rivalisierenden Banden seien nach wie vor bewaffnet, die Kämpfe könnten jederzeit wieder ausbrechen. Es gebe Verbindungen zwischen den Gangs, rivalisierenden Banden, der Polizei und den staatlichen Behörden.

Banden besser ausgerüstet als Polizei

Martialische Bilder des Massakers wurden von den Banden in den sozialen Netzwerken gepostet, dokumentiert der Report. Und: Der größte Waffenlieferant für die Gangs sei demnach nach wie vor der haitianische Staat.

Etwa 200 Gangs sind in Haiti aktiv. Alle Wege, die aus der Stadt herausführten, seien unter der Kontrolle der kriminellen Banden, auch der Zugang wichtiger Infrastruktur, der Zugang zu Treibstoff werde von ihnen kontrolliert, erklärt die Leiterin der Welthungerhilfe in Port-au-Prince, Annalisa Lombardo. "Die Regierung schweigt, sie ist fragmentiert", sagt sie. "Es fehlt an einer glaubwürdigen politischen Figur, die das Land aus dem Schlamassel führen könnte."

Die Gangs seien besser ausgerüstet als die Polizei; die Sicherheitskräfte dagegen unterbezahlt, sagt Lombardo - und das bei extremer Inflation. Teilweise würden sie ihre Gehälter nur alle vier Monate bekommen.

Haiti durchsetzt von Korruption

Die Korruption sei ein gravierendes Problem, sagt die Leiterin der Welthungerhilfe. Entführungen seien an der Tagesordnung. Das hat auch Konsequenzen für das Gesundheitswesen. Nach Angaben lokaler Medien wurden vor wenigen Tagen - nach der Entführung einer Kinderärztin - zwei Krankenhäuser in der Hauptstadt Port-au-Prince vorübergehend geschlossen.

Anfang der Woche wurde auch ein Bus entführt, in dem haitianische, türkische und dominikanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger saßen. Insgesamt 17 Personen befinden sich in der Gewalt der Entführer.

Ärmstes Land der westlichen Hemisphäre

Haiti gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Und immer wieder leidet das Land unter den Folgen von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Wirbelstürmen.

Im Juli des vergangenen Jahres wurde zudem Präsident Moise ermordet. Obwohl mehr als 20 Verdächtige, vorwiegend Söldner aus Kolumbien, festgenommen wurden, konnten die Hintergründe des Mordes noch nicht aufgeklärt werden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Mai 2022 um 12:35 Uhr.