Der ermordete ehemalige Präsident Haitis, Jovenel Moise (Archivbild). | AP

Haiti Tote und Festnahmen nach Präsidentenmord

Stand: 08.07.2021 04:32 Uhr

Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Moïse sind vier Tatverdächtige getötet und zwei weitere festgenommen worden. Noch immer sind viele der Hintergründe der Tat unklar.

Die Polizei von Haiti hat nach eigenen Angaben vier mutmaßliche Mörder des Präsidenten Jovenel Moïse erschossen und zwei weitere festgenommen. Drei Polizisten, die als Geiseln genommen worden seien, seien am Abend (Ortszeit) befreit worden, teilte Polizeichef Léon Charles mit.

Die Regierung des Karibikstaates rief jeweils 15 Tage Belagerungszustand und Staatstrauer aus. Außenminister Claude Joseph unterzeichnete beide Erlasse am Mittwoch als Übergangs-Premierminister. Der Belagerungszustand erlaubt es der Regierung unter anderem, das Militär für Polizeiaufgaben einzusetzen und Bürgerrechte einzuschränken.

Unbekannte waren in der Nacht zum Mittwoch (Ortszeit) in die Residenz des 53 Jahre alten Moïse in einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince eingedrungen und hatten ihn erschossen. Seine Ehefrau Martine wurde verletzt und zur Behandlung in die rund 1000 Kilometer entfernte US-Stadt Miami gebracht, wie Haitis Botschafter in den USA, Bocchit Edmond, internationalen Medien sagte.

Täter gaben sich offenbar als Anti-Drogen-Beamte aus

Die Angreifer seien nach ersten Erkenntnissen Ausländer gewesen, die sich als Angehörige der US-Anti-Drogenbehörde DEA ausgegeben hätten. Nach Angaben der haitianischen Botschaft in Washington handelte es sich um einen wohl koordinierten Angriff durch eine gut ausgebildete und schwer bewaffnete Gruppe. Joseph sagte in einer Ansprache an die Nation, die Täter hätten Englisch und Spanisch gesprochen.

Die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince sind laut Bewohnern derweil wie leer gefegt. Joseph wurde in den Nachrichten über das Telefon geschaltet: "Wir verurteilen diese barbarische Tat, die Ermordung des Präsidenten. Wir rufen die Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren. Die Polizei hat die Sicherheit im Land unter Kontrolle."

Helfer berichten von willkürlicher Gewalt

Seit Wochen eskaliere die Gewalt in der Hauptstadt von Haiti, erklärt Annalisa Lombardo, Leiterin der Welthungerhilfe von Port-au-Prince. "Ganze Stadtteile stehen unter der bewaffneten Kontrolle von den kriminellen Banden", sagt sie. "Die Gewalt ist teilweise willkürlich. Erst letzte Woche haben sie einfach auf Menschen auf der Straße geschossen, in dieser Nacht wurden auch zwei Journalisten getötet."

"Es ist unheimlich ruhig"

Konkurrierende Banden kämpfen um ihren Einflussbereich in der Stadt. Auch Lombardo spricht von einer gespenstischen Stille in Teilen von Port-au-Prince. "Es ist unheimlich ruhig, es gibt nur wenige Menschen auf der Straße. In den Medien sieht man brennende Autoreifen in der Nähe des Präsidentenpalasts. Aber brennende Reifen gehören hier tatsächlich mittlerweile zum Alltag, das ist auch nichts Besonderes. Wir müssen wirklich abwarten. Es ist schwierig zu sagen, wie sich die Dinge hier entwickeln."

Präsident Moïse hatte jüngst mehr Engagement der internationalen Gemeinschaft sowie aller Sektoren der Gesellschaft gegen die Unsicherheit gefordert. Ihm selbst wurden Korruption und enge Verbindungen zu kriminellen Banden vorgeworfen.

Immer wieder kam es zu Protesten gegen ihn. Seit fast zwei Jahren regierte er per Dekret. Nach Lesart der Opposition hätte Moïse im Februar sein Amt räumen müssen. Er wollte jedoch ein umstrittenes Verfassungsreferendum und Wahlen im September auf den Weg bringen und danach im kommenden Februar abtreten.

Nahezu leere Straße in Port-au-Prince in der Nähe des Präsidentenpalastes | AFP

Nahezu leere Straße in Port-au-Prince in der Nähe des Präsidentenpalastes. Bild: AFP

Vier Regierungschefs innerhalb von sieben Jahren

Erst am vergangenen Montag hatte er die Ernennung des neuen Regierungschefs Ariel Henry bekanntgegeben, der Claude Joseph nach nur drei Monaten im Amt ablösen sollte. Joseph hat allerdings seinen Platz offenbar noch nicht geräumt. Moïse hatte den Regierungschef des Landes innerhalb von vier Jahren sieben Mal ausgewechselt. Die Regierung sei sehr fragil, so Lombardo.

"Eine politische Figur, die das Land einen könnte, gibt es nicht", sagt die Leiterin der Welthungerhilfe. "Es gibt niemanden, der in der Lage ist, das Land zu führen. Es gibt viele Gerüchte. Es ist unklar, was jetzt passiert. Seit drei Jahren befindet sich das Land bereits in dieser Krise."

Währenddessen hat das Nachbarland die Dominikanische Republik die Grenze wegen der angespannten politischen Lage dicht gemacht.

Mit Informationen von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Über dieses Thema berichtete die tagesschau u.a. am 08. Juli 2021 um 06:30 sowie am 07. Juli 2021 die um 17:00 Uhr und BR24 um 18:07 Uhr.