Müllberg in Port au Prince | Anne Demmer/rbb

Corona in Haiti Kaum Corona - trotz Dauerkrise

Stand: 16.05.2021 08:07 Uhr

Haiti steckt in einer politischen Dauerkrise. Von dem Erdbeben vor mehr als zehn Jahren hat sich das Land nie richtig erholt. Doch es scheint von Corona kaum betroffen: Offiziell gab es nur rund 13.000 Fälle - trotz katastrophaler hygienischer Zustände.  

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko, zurzeit Port-au-Prince

Neben der Wellblechhütte von Josiana türmen sich die Müllberge: Plastik vermischt sich mit gegorenen Tomaten - Ziegen und Schweine wühlen im Unrat. Der Geruch nach Fäkalien und Urin liegt in der Luft. Die Menschen leben hier in Port-au-Prince dicht an dicht. Sauberes fließendes Wasser gibt es nicht. Die 32-Jährige lebt hier mit ihren zwei kleinen Kindern, eins davon ein Baby, und einer Freundin.

Anne Demmer

"Unser Gesundheitssystem funktioniert nicht, es ist quasi nicht existent. Wenn deine Kinder krank werden, dann ist es schwierig, überhaupt Hilfe zu bekommen", sagt Josiana. "Aber trotzdem haben wir hier die Pandemie gut bewältigt. Wir haben alle Regeln befolgt, unsere Masken getragen." Mittlerweile hält sie einen Mundschutz nicht mehr für nötig.

Josiana | Anne Demmer/rbb

Josiana glaubt, dass Haiti die Pandemie gut überstanden hat. Bild: Anne Demmer/rbb

Stigmatisierung und Zweifel

Die Ärztin Marie Macelle Deschamps ist in einem der größten privaten gemeinnützigen Gesundheitszentren in Haitis Hauptstadt tätig. Sie arbeitet in den Armenvierteln der Stadt. Die Menschen kamen mit Aids, Cholera. Sie hat die Folgen des Erdbebens miterlebt. Und nun die Pandemie. Die ersten zwei Fälle in Haiti wurden im März entdeckt, erinnert sie sich. "Der Höhepunkt der Pandemie war so im Mai, Juni. Viele Menschen hatten Angst. Diejenigen, die es bekommen haben, wurden stigmatisiert", erzählt sie.

"Gerade auch bedingt durch die politische Krise in Haiti glaubten viele nicht daran, dass die Pandemie überhaupt existierte. Sie hielten es für eine Lüge." Doch das Gesundheitsministerium habe schnell reagiert. Die Grenzen der Karibikinsel seien schnell geschlossen, die Flughäfen für rund drei Monate dicht gemacht worden.

"Haiti ist auf einem guten Weg"

Am Ende, sagt Dechamps, habe die Pandemie Haiti kaum getroffen, im Gegensatz zur Dominikanischen Republik, die direkt nebenan liegt - und die Ansteckungszahlen gingen zurück: "Wir schicken Mitarbeiter in die Communities, die tatsächlich von Tür zu Tür gehen und Fragen stellen. Und es ist wirklich unglaublich, wenn wir uns die Kurve seit dem letzten Höhepunkt anschauen. Haiti ist auf einem guten Weg."

Eine richtige Erklärung hat die Ärztin dafür noch nicht. Ein Forschungsprojekt würde sich derzeit damit befassen. "Es könnte zum einen sein, dass die Haitianer in der Vergangenheit so vielen Infektionskrankheiten ausgesetzt waren und daher eine Immunität entwickelt haben. Und die Lebensverhältnisse: Es gibt keine Klimaanlagen. Die Menschen haben kaum Türen oder richtige Fenster, haben also immer frische Luftzufuhr." Zudem sei es eine extrem junge Bevölkerung. Doch die Ärztin warnt vor voreiligen Schlüssen, man müsse die Situation weiter beobachten und auswerten.

Impfungen haben noch nicht begonnen

Der Impfprozess hat in Haiti noch nicht begonnen. Erst kürzlich hat die haitianische Regierung eine COVAX-Lieferung mit AstraZeneca abgelehnt. In einem ersten Schritt hätte der Karibikstaat 756.000 Dosen des Impfstoffs bekommen sollen. Das Land bat um einen für Haiti besser geeigneten Impfstoff, auch weil es kaum Kühlungsmöglichkeiten gebe und aus Angst, dass die Bevölkerung selbst den Impfstoff nicht akzeptieren würde, wie es heißt. 

Hört man sich auf der Straße um, hat für viele die Pandemie keine Bedeutung, die Gewalt, die alltäglichen Kidnappings prägen ihren Alltag.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 18. April 2021.