Bergungsarbeiten in Petrópolis nach Erdrutschen. | REUTERS

Viele Tote nach Erdrutschen in Brasilien "Es ist ein Bild des Krieges"

Stand: 18.02.2022 20:43 Uhr

Präsident Bolsonaro spricht von einer riesigen Zerstörung: Nach Starkregen und Erdrutschen ist die Zahl der Toten im brasilianischen Petropolis auf mehr als 130 gestiegen. Die Wut auf die Behörden wächst.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Überall Schlamm, braun-rote Erdmassen liegen über den Straßen, Häusern und Plätzen der sonst so malerischen Stadt Petrópolis im Bergland nördlich von Rio. Rettungskräfte, Soldaten und Helfer kämpfen sich durch Matsch und Geröll, dazwischen verzweifelte Angehörige. José Carlos Paiva konnte seinen Sohn aus dem Schlamm retten, seine Mutter habe es nicht geschafft erzählt er Journalisten des TV-Senders Globo: "Heute bringen wir Leichen weg, ich habe meine Mutter tot geborgen. Gestern konnte ich meinen Sohn und Nachbarn retten, ich habe ihn in die Notaufnahme gebracht. Meinem Sohn geht es gut, ich konnte ihn lebend aus dem Schlamm ziehen, aber meine Mutter muss ich beerdigen."

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Schwierige Bergung

Starkregen hatte zu Erdrutschen und Überschwemmungen geführt. Innerhalb weniger Stunden regnete es am Dienstag so viel wie sonst in einem Monat. Straßen wurden zu reißenden Flüssen, die Autos und Bäume einfach mitschleiften. Hänge rutschen einfach ab, mehr als 80 Häuser wurden zerstört und mindestens 130 Menschen verloren ihr Leben. Die Zahl der Opfer steigt weiter an und die Bergung gestaltet sich schwierig.

Am Freitag hat es erneut geregnet, die Rettungskräfte mussten ihre Arbeit an vielen Orten abbrechen, zum eigenen Schutz. An einigen Orten warten Angehörige noch immer auf Helfer, graben selbst im Schlamm - mit Schaufeln, Spaten oder den bloßen Händen. "Es ist so traurig, die Leute schlafen nicht, sie bleiben wach. Andere suchen, schreien nach ihren Lieben, es ist alles sehr kompliziert, wir fühlen mit ihnen allen", sagt Márcia Barbosa. Sie lebt im besonders betroffenen Viertel Alto da Serra.

Wut auf Behörden wächst

"Ich habe eine riesige Zerstörung gesehen. Es ist ein Bild des Krieges", erklärte der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der die Region nach seiner Rückkehr aus Russland und Ungarn überflog. "Wir haben einen perfekten Eindruck von dem bekommen, was hier in Petrópolis passiert ist."

Währenddessen wächst vor Ort die Wut auf die Behörden. Der Katastrophenschutz habe versagt, sagt der Student Kaua Dantas: "Seit Langem warnen die Leute, dass es hier eine große Tragödie geben würde, aber niemand hat es geglaubt, niemand hat sich jemals darum gekümmert. Bis es passiert und dieser starke Regen kam. Es dauerte nicht mal fünf Minuten, und die Katastrophe war da."

Stärkster Regenfall seit 1932

Auch der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro gestand inzwischen ein, die Katastrophe habe aufgezeigt, welch großen Mängel weiter bestünden. "Es gibt eine historische Schuld. Und das hätte aus vorausgegangen Tragödien gelernt werden müssen", so Claudio Castro. "Und hier kommen zwei Dinge zusammen: Erstens, der außergewöhnliche Regen, es war der stärkste Regenfall seit 1932. Aber diese historische Tragödie traf hier auf ein bestehendes Defizit. Möge es uns als Lehre dienen, damit wir die Dinge dieses Mal anders machen."

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Zahlreiche Tote durch Erdrutsche und Überschwemmungen in Brasilien

Weitere Regenfälle vorhergesagt

Petrópolis ist malerisch gelegen, zwischen Bergen und Tälern - doch die Lage birgt auch ein Risiko. Oft haben die Bewohner ihre Häuser illegal an erdrutschgefährdeten Berghänge gebaut, allen Bauvorschriften zum Trotz, die aber auch nicht kontrolliert werden. Zudem sind Abwasser- und Kanalsysteme nicht mitgewachsen, die Investitionen in sanitäre Einrichtungen, Entwässerung, Hochwasser- und Hangschutz werden vernachlässigt.

Schon 2011 kam es in der Bergregion zu einer Unwetterkatastrophe, bei der mehr als 900 Menschen ums Leben kamen. Sie galt als die schlimmste in der Geschichte Brasiliens. Davon war unter anderem auch Petrópolis mit seinen rund 300.000 Einwohnern betroffen.

Die Stadt wurde nun zum Katastrophengebiet erklärt. Der Stadtrat ordnete drei Trauertage an. Für die kommenden Tage werden weitere Regenfälle vorhergesagt, die neue Überschwemmungen verursachen könnten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Februar 2022 um 23:29 Uhr.