Edward O. Wilson | picture alliance/dpa/epa

Edward O. Wilson ist tot Trauer um Evolutionsbiologen und "Ameisenmann"

Stand: 27.12.2021 17:41 Uhr

"Ameisenmann" wurde er mitunter genannt. Doch Edward O. Wilson war weit mehr: Der Harvard-Professor galt als einer der wichtigsten Biologen seiner Zeit. Für Debatten sorgte vor allem seine Evolutionsforschung. Im Alter von 92 ist Wilson gestorben.

Der US-Biologe und Evolutionsforscher Edward O. Wilson ist tot. Der Wissenschaftler starb am Sonntag im Alter von 92 Jahren im US-Bundesstaat Massachusetts, wie seine Stiftung nun mitteilte.

Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit waren ursprünglich Ameisen. 1993 zeigte Wilson einem AP-Reporter die Mikroskopaufnahme eines solchen Insekts mit der Bemerkung, für ihn sei es das "Gesicht der Schöpfung". Zusammen mit seinem deutschen Kollegen Bert Hölldobler schilderte er in dem Buch "The Ants" (deutsch: "Ameisen") detailliert den Ameisenalltag. Das Studium dieser Insekten, insbesondere auch ihre Kommunikation mittels Pheromonen, habe ihm Einsichten zur Umwelt eröffnet, weil das Wohlergehen und die Vielfalt von Ameisen ein Indikator für zerstörerische Veränderungen in einem anscheinend normalen Gebiet seien, sagte er.

Bekannt wurde er aber vor allem mit seinen Thesen zur Sozialbiologie und der biologischen Vorbestimmung des Menschen - sie sorgten für heftige Debatten: Der langjährige Professor an der Elite-Universität Harvard gab 1975 mit seinem Werk "Sozialbiologie" dieser wissenschaftlichen Disziplin ihren Namen. Umstritten war dabei seine im letzten Kapitel aufgestellte These, das menschliche Verhalten sei weitgehend genetisch bestimmt.

"Ich dachte, meine Karriere geht in Flammen auf"

Kritiker warfen ihm unter anderem vor, er stärke soziale Ungerechtigkeit und die Diskriminierung von Frauen. Als Wilson 1978 auf einer wissenschaftlichen Veranstaltung sprach, schütteten ihm Aktivisten einen Kübel Eiswasser über den Kopf. Wilson betonte, er sei keineswegs der Meinung, dass die Gene das gesamte menschliche Verhalten bestimmten, sondern nur etwa zehn Prozent. Die Reaktion auf sein Buch habe ihn erschreckt und er habe eine Zeit lang keine öffentlichen Vorlesungen mehr gehalten. "Ich dachte, meine Karriere geht in Flammen auf", sagte er.

In späteren Jahren wandte sich Wilson immer mehr dem Umweltschutz zu und warnte vor der Zerstörung der Biodiversität durch den Menschen. "Die Vielfalt des Lebens auf der Erde ist größer als sogar die meisten Biologen erkennen", sagte er 1993. Weniger als zehn Prozent der Arten hätten wissenschaftliche Namen, was bedeute, das die Erde immer noch ein weitgehend unerforschter Planet sei.

1996 auf Liste des "Time"-Magazins

Wilson wurde 1929 im US-Bundesstaat Alabama geboren. Er erblindete nach einem Angelunfall auf einem Auge, als Teenager wurde er schwerhörig. Trost fand Wilson in der Natur unter anderem während seiner Zeit als Pfadfinder. Schon damals war er von Ameisen fasziniert.

Er gelte als einer der bedeutendsten und anerkanntesten amerikanischen Wissenschaftler der modernen Geschichte, so die E.O. Wilson Biodiversity Foundation. Er sei liebevoll als "der Ameisenmann" bezeichnet worden und Autor von mehr als 30 Büchern und Hunderten wissenschaftlichen Abhandlungen.

Für zwei seiner Sachbücher erhielt der Biologe den renommierten Pulitzer-Preis - darunter für das Standardwerk über Ameisen "The Ants". Das "Time"-Magazin zählte ihn 1996 zu einem der 25 einflussreichsten Menschen Amerikas. Er wurde außerdem mit der National Medal of Science ausgezeichnet, die vom US-Präsidenten an herausragende Persönlichkeiten der Wissenschaft verliehen wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Dezember 2021 um 17:30 Uhr.