Probandin Paula Barros  | ARD

Corona in Argentinien Der Frust der CureVac-Probanden

Stand: 05.08.2021 16:36 Uhr

CureVac-Probanden in Argentinien sind enttäuscht: Neben der geringen Wirksamkeit des Impfstoffs kritisieren sie fehlende Informationen. In vielen Ländern Südamerikas stocken die Impfkampagnen, weil Vakzine fehlen.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Menschen, die unter dem Obelisken in Buenos Aires demonstrieren, sind wütend und genervt: Sie tragen schwarz-rote Plakate durch die Straßen und fordern mehr staatliche Hilfen in der Coronavirus-Krise. Zuletzt hatten sich die schlechten Nachrichten in Argentinien gehäuft. Neben der Wirtschaft, die wegen der Pandemie nicht aus der Krise herausfindet, warten viele Menschen am Rio de la Plata seit Langem auf den Impfstoff für ihre zweite Dosis.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Während bereits mehr als 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger erstgeimpft sind, liegt der Wert für die Zweitimpfung bei gerade mal rund 15 Prozent: Seit Wochen bekommen Millionen Erstgeimpfte kein Vakzin für ihren zweiten Stich in die Schulter. Die Sputnik-Lieferungen aus Russland hatten sich zuletzt verzögert, was Argentiniens Impfkampagne deutlich verlangsamt hat.

Rückschlag - auch für Probanden

Die Impf-Enttäuschung von Dina dos Santos hat einen anderen Grund: Die Deutsche, die seit Jahren in Buenos Aires lebt, ist eine der Probandinnen und Probanden der deutschen CureVac-Studie. Zuerst veröffentlichte das Tübinger Unternehmen die - vergleichsweise - geringe Wirksamkeit seines Vakzins von 48 Prozent (beziehungsweise 53 Prozent in der Altersgruppe zwischen 18 und 60 Jahren). Dieser Wert liegt deutlich unter denen anderer Hersteller von mRNA-Wirkstoffen wie Biontech und Moderna.

Dina dos Santos | ARD

Dina dos Santos ist enttäuscht, weil von CureVac keine Informationen kommen. Bild: ARD

Anschließend bat dos Santos CureVac um Informationen, ob sie für die Studie das Placebo oder den tatsächlichen Wirkstoff erhalten habe. "Man bekommt aber von CureVac keine Antwort - sie informieren uns Probanden kaum und sagen nicht, wie es jetzt weiter gehen soll." Dos Santos würde gerne wissen, ob das Vakzin gegebenenfalls bei ihr gewirkt habe: Hat sie nun Antikörper oder nicht und sollte sie sich nachimpfen lassen? "Ich finde es für ein deutsches Unternehmen nicht angemessen, seine Probanden derart allein zu lassen nach der Studie", erklärt die Wahl-Argentinierin. Doch für Nachfragen stehe niemand zur Verfügung, klagt sie.

Am Anfang stand die Hoffnung

Das Tübinger Unternehmen hatte große Hoffnungen in Argentinien ausgelöst, als sie im März ihre Testphase in Kooperation mit öffentlichen Krankenhäusern begannen. Mehrere Tausend Freiwillige wie dos Santos meldeten sich, in der Hoffnung, frühzeitig mit Hilfe eines modernen Vakzins geschützt zu sein. Im Krankenhaus "Evita Pueblo" am Rand von Buenos Aires war Paula Barros damals eine der ersten, die sich für die Testphase zur Verfügung gestellt hatten. "Ich will dazu beitragen, dass diese Studie gelingt und habe Vertrauen in die deutsche Technologie", erklärte sie damals.

Krankenhaus Personal applaudiert | ARD

Zu Beginn der CureVac-Studie war die Hoffnung in Argentinien groß: Zum Startschuss gab es vom Krankenhaus-Personal in Buenos Aires Applaus. Bild: ARD

Mittlerweile überwiegt die Enttäuschung - auch bei den Behörden. Veronika Gonzales vom Gesundheitsministerium der Provinz Buenos Aires hatte anfangs gehofft, "dass diese Studie Argentinien später eine privilegierte Stellung geben würde, den begehrten Impfstoff zu erwerben." Diese Hoffnung ist vorerst geplatzt. Ob und wann ein CureVac-Vakzin zugelassen wird, ist mehr denn je unklar.

Es geht nur langsam voran in Südamerika

Dies ist ein weiterer Rückschlag für die Menschen in den Ländern Südamerikas, von denen sich viele als Probanden für die Testphasen der globalen Hersteller zur Verfügung gestellt hatten. Während Staaten wie Chile und Uruguay schnelle Impfkampagnen auf die Beine stellten, hängen nun Länder wie Paraguay und Bolivien im weltweiten Impf-Rennen hinterher. Dort sind bislang knapp 15 Prozent (Bolivien) beziehungsweise nur vier Prozent (Paraguay) der Bevölkerung vollständig geimpft. Grund sind meist zögerliche Bestellungen durch die Regierungen und Lieferengpässe der Hersteller.

Zu den Beschwerden aus Argentinien erklärt eine CureVac-Unternehmenssprecherin auf Nachfrage, man "nehme die Sorgen und Bedenken unserer Probanden sehr ernst." Jedoch sei es dem Unternehmen "rechtlich nicht gestattet, in direktem Kontakt mit seinen Probanden zu stehen und/oder sie direkt medizinisch zu betreuen". Dina dos Santos hofft, dass sie demnächst eine Antwort der argentinischen Ärzte erhält, die die CureVac-Studie betreuen. In jedem Fall will sie Argentinien bald schon verlassen, um sich in Deutschland impfen lassen. Ob sie zurückkommt, weiß sie noch nicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. August 2021 um 22:15 Uhr.