In einem Krankenhaus in Apple Valley (US-Bundesstaat Kalifornien) kümmert sich eine Krankenschwester auf dem Gang um eine Patientin. | AFP

Corona-Pandemie Streit um Drittimpfungen in den USA

Stand: 20.08.2021 10:31 Uhr

Die US-Regierung will im September Auffrischungsimpfungen anbieten - auch um der wachsenden Zahl der Impfdurchbrüche zu begegnen. Doch Mediziner mahnen: Das Problem sind die Ungeimpften.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

"Corona im US-Kongress" lautet die Schlagzeile in den Abendnachrichten. Bei drei Senatoren ist der Test auf das Virus positiv ausgefallen - dabei waren alle drei vollständig geimpft. Die Symptome seien mild, berichten die Politiker. Das englische Schlagwort für Corona-Infektionen trotz Impfung klingt nicht gerade mild: Sogenannte Breakthrough Infections. Sie treten häufiger auf, als bisher angenommen, das berichtete die "New York Times" Anfang der Woche. Aber was steckt hinter den US-Zahlen und was sagen sie aus? 

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Impfung schützt nicht vor einer Infektion

Zunächst einmal: US-Mediziner wie Céline Gounder halten die Debatte für überhitzt. Sie ist Mitglied im Corona-Krisenstab von Präsident Joe Biden und warnt im Fernsehsender NBC vor zu großer Eile: "Wir impfen, um Leben zu retten", sagt sie. Das Ziel sei es nicht, milde Grippe- und Erkältungssymptome zu vermeiden oder dass man das Bett hüten müsse. "Unser Ziel ist es, schwere Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte und Tod zu verhindern." Und darin stimmen Mediziner überein: Diese Ziel erreichen alle zugelassenen Impfstoffe. 

Einige Geimpfte kommen ins Krankenhaus

Die "New York Times" hatte in ihrer Recherche nun Daten über neue Corona-Fälle aus verschiedenen Bundesstaaten ausgewertet: In sechs Bundesstaaten betraf eine von fünf neu entdeckten Covid-Infektionen eine geimpfte Person. Außerdem lag der Prozentsatz derer, die wegen einer Covid-Erkrankung trotz vollständiger Impfung ins Krankenhaus mussten oder an den Folgen starben, höher als zuvor angenommen.

Aber dann kommen sofort die Einschränkungen: Die große Mehrheit der geimpften Personen, die nach einer Corona-Infektion ins Krankenhaus kommen, seien ältere Menschen oder Amerikaner mit kompromittiertem Immunsystem, heißt es laut Zeitungsbericht. Bei Todesfällen im Bundesstaat Oregon lag das Alter im Schnitt bei 83 Jahren. Die Daten aus den Bundesstaaten sind zudem nicht auf die gesamte Bevölkerung zu übertragen: Zu den geimpften Amerikanern gehören überdurchschnittlich viele Menschen aus sogenannten Hochrisikogruppen. Bei ihnen treten "breakthrough infections" aber wie gesagt häufiger auf.

US-Regierung bietet dritte Impfung an

In dieser Situation will die US-Regierung aber nicht abwarten. Sie hat vorgeschlagen, vollständig geimpften Amerikanern eine weitere Dosis zu verabreichen, erklärte der Chef der Behörde für Öffentliche Gesundheit Vivek Murthy. "Selbst wenn die neuen Daten bestätigen, dass der Schutz vor den schwerwiegendsten Folgen einer Corona-Infektion durch den Impfstoff hoch ist, sind wir besorgt: Nämlich, dass die Wirkung in den kommenden Monaten weiter nachlässt. Das könnte zu einem geringeren Schutz vor schweren Erkrankungen, Krankenhausaufenthalten und Tod führen."

Wie funktioniert eine Immunantwort?

Durch die Impfung wird der Körper dazu angeregt, Antikörper zu bilden. Sie entstehen innerhalb von Tagen und Wochen durch spezialisierte Blutzellen. Immunologe Carsten Watzl nennt die Antikörper eine "Armee", die durch Zellteilung möglichst schnell anwachsen müsse. Wenn der echte Erreger erneut in den Körper eindringt, sei dieser gewappnet. Die Antikörper blockierten die Bindestelle des Virus, und dann könne dieses die Körperzellen nicht mehr infizieren.

Bereits infizierte Zellen werden durch T-Zellen, umgangssprachlich auch T-Killerzellen, einfach zerstört. Eine Ausbreitung der Krankheit im Körper wird verhindert.

Der zweite wichtige Teil der Immunreaktion sind sogenannte Gedächtniszellen. Solche gibt es sowohl bei den für Antikörperbildung verantwortlichen B-Zellen als auch bei den T-Zellen. Nach einer Infektion bildet der Körper diese Gedächtniszellen, die Information über einen Erreger wie SARS-CoV-2 in sich tragen. Bei einer erneuten Infektion können sie innerhalb eines Tages die Immunreaktion starten, Antikörper produzieren und spezifische T-Zellen bilden. So kann das Virus schnell bekämpft werden. Auch bei SARS-CoV-2 scheint das so zu sein, vermuten Forscherinnen und Forscher. Sie konnten zeigen, dass Genesene T-Gedächtniszellen bilden, die lange im Körper verbleiben.

Ab dem 20. September bietet die US-Regierung eine Auffrischung mit mRNA-Impfstoffen von Moderna und BioNTech/Pfizer an. Die Entscheidung ist umstritten. Denn den Anstieg der Corona-Fälle bringen Epidemiologien vor allem mit der geringen Bereitschaft in Verbindung, sich überhaupt impfen zu lassen. Im Schnitt zählen die USA jeden Tag jetzt schon über 140.000 neue Infektionen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. August 2021 um 12:48 Uhr.